Varianten des inneren oder äußeren (Er-)Lebens | Trance-Texte   |   Selbsthypnose

© Marc Fiddike


An Mozzarella       |      gepostet 17.7.18

 

Es war gar nicht so kalt.

Sie schlenderten am trüben späteren Montagabend die regennasse Straße entlang.

„Da hinten rechts um die Ecke gibt’s einen Italiener. Da wollte ich immer schon mal hin“ sagte sie.

Sie fanden das Eckrestaurant, in dem sich wohl Menschen befanden. Es brannte Licht.

 

Der vordere Raum war mit einigen 4er- und ein paar 2er-Tischen befüllt. Die eifrige Italienische Mama mittleren Alters beeilte sich nun beflissen, Ihnen zwei Tische zur Wahl anzubieten. Wobei es eigentlich keine Wahl gab! Offenbar erwartete sie noch ein oder zwei Fußballmannschaften.

Der eine der beiden Katzentische wirkte links zwischen die anderen gequetscht, der zur Rechten stand direkt am Durchgang zur zweiten Raumhälfte, wo offenbar die Familie oder noch mehr von ihr sich fest mit Jacken und Plastikflaschen an und auf den Tischen eingerichtet hatte.

 

Ganz Kavalier ließ er die Dame auf der Bank am Fenster (nicht auf der Fensterbank) Platz nehmen. Er setzte sich auf den Stuhl direkt im Durchgang zum hinteren Zimmer. Eifrig wurde die Tageskarten-Tafel an den Tisch gestellt und die in Lederimitat gebundene Handversion gereicht. Erster Eindruck: das Teelicht wurde nicht entzündet. Durchgefallen!

 

Offenbar war nur vorne geheizt. Durch die Luftzirkulation vom vorderen wärmeren Raum in den hinteren war da ein leichter angenehmer Luftstrom, in dem er saß.

Er mochte Luft.

Luft war gut.

Immer.

Auch, wenn er oft nicht raus ging.

Es gab ja Fenster.

 

Irgendwas an dieser Luft hier war aber nicht gut. Ganz, ganz langsam kroch die Ahnung ihm die Nase hoch bis zum Riechnerv. Es formte sich langsam ein Bild, aus einem Wabernden etwas, wolkig, unbestimmt, kam es näher, rotierte wie ein Highspeed-Kreisel, wurde langsamer und blieb mit einem Knall abrupt stehen: Das war es. KLOSTEIN!

 

Dieses giftgrüne Etwas, das die Herren der Schöpfung in der Steh-Schüssel hinter sich zurück lassen, wenn sie – ohne sich die Hände zu waschen zumeist – den Saal der Erleichterung verlassen, den Hosenbund noch zurechtrückend und somit ohne die Türen zu schließen. Man stelle sich das nun vor: die Warm-Kalt-Fronten und Zirkulationen im Gastraum vermengen sich mit den grünen Dämpfen der durch den heißen Urin schmelzenden Klosteine da hinten.

 

Klostein! Nein, eigentlich Pinkelstein. Vor Wikipedia dachte er noch, es hieße Urinstein. Aber Urinstein ist noch schlimmer. Das sind nämlich die gelblich-braunen kristallinen Ablagerungen in Pissoirs oder Kloschüsseln, die durch Ausfällungen des Urins in fester oder pastöser Form erfolgen.

Während das beißend giftgrüne Gas seine Nase immer tiefer erkundete, studierte er die Tageskarte. Man bestellte 2 Softdrinks groß, einmal Pasta, 1 Mal Tomate an Mozzarella.

 

… An Mozzarella.
Irgendwie erinnerte ihn dies an etwas. Was war es nur?

 

Na klar. Er saß jetzt an Klostein. Oder fast im Klostein. Im Urinstein? Im Urin? Er saß „An“. „Rehrücken an Estragon-Püree“. Köstlich! Oder aber „Rinderfilet-Streifen an Gorgonzola-Pasta“ neulich im Eckrestaurant. Dabei handelte es sich allerdings nur um die singuläre Form, also „den“ Rinderfilet-Streifen. Für 9,50 Euro war wohl nicht mehr drin.

 

Wann kamen eigentlich die Fußballer? Er interessierte sich die Bohne für Fußball, dafür waren die Fußballer doch ganz interessante Gesellen. Na, die kommen schon noch. Die Wirtin hatte ja gut vorgesorgt und alle 4er-Tische reserviert.

 

Genpräparierte blassrosa Tomaten mit Mozzarellascheiben auf sich wurden serviert sowie die Pasta Gorgonzola. Für ihn bereits die zweite Pasta des Tages. „So geht das nicht weiter!“ sagte er leise streng zu sich.

„Es ist ja sinnvoll, daß ich bereits gut zahlendes Fördermitglied im Fitness-Club bin, aber aktive Teilnahme würde mehr Pasta ermöglichen.“

 

Die Dame gegenüber überlegte sich indes, ob ihre Migräne nun vorbei sei, oder Kotzen folgen müsse. Ob sie äße oder nicht, ob sie äße, dann noch mehr Migräne bekäme oder nicht äße und dann nicht kotze oder erst kotze, wenn die Migräne da ist. Oder ob sie kotze, ohne die von Mozzarella erdrückten Gentomaten zu essen. Eine schwierige Entscheidung wie er mitfühlend feststellte.

 

Mit der Zeit wuchs bei ihm der Drang bzw. eher Zwang oder die Not, sich auf den Weg zu diesen giftgrünen Objekten da hinten zu machen. Schließlich hatte die Mama nach der Bestellung ihrer Getränke noch einmal suggestiv nachgefragt, daß es doch der große Spezi sein solle, ja? Da kann man ja nichts machen. Er grüßte die familienartige Ansammlung im hinteren Raum und bog dem Geruch folgend neben dem Tresen nach links ab.

Praktischer Weise standen alle Türen offen, sie ließen sich auch kaum bewegen. Das ist bei Durchzug gut, so kann es nicht knallen. Wie so oft auch in anderen Gastronomiebetrieben wirkte auch der Toiletten-Vorflur hier wie das Vorbereitungszimmer für die Küche. Ein klappriges Tischchen mit Servietten, Besteck, Gewürzen, Salz- und Pfefferstreuern, verschlissenen Fußleisten, sich wellenden abgewetztem Linoleum. Klar, bei derart häufiger Reinigung bleibt das nicht aus. Zum Glück konnte er dort keine Salatanrichte ausmachen.

 

Dunkel war es im Männerklo. Das verhieß nichts Gutes!

Widerwillig tastete er mit der Linken zum Lichtschalter. Diese Bakterien hätte er sich gerne erspart. Es nützte nichts. „Vor 40 Jahren gab es halt noch keine Bewegungsschalter“ grummelte er vor sich hin.

Die 30W Birne hinter der gelbbraun-angelaufenen und gesprungenen Plastik-Lampenverkleidung über dem Spiegel, dessen Oberkante ihm bis circa zu den Brustwarzen reichte, schummerte ihm den Weg. „Jaja, Italiener sind halt klein!“

 

Durch die nächste Tür kam er nun endlich in die Entlastungs-Hallen. Es war so schummrig, er konnte das Grün der Klosteine gar nicht genau ausmachen. Es reichte gerade zum Zielen. Oder waren sie rosa? Zu seiner rechten klebte ein offenbar schon mehrfach befeuchteter und wieder getrockneter Zettel. „Defekt“ konnte er gerade noch entziffern. Darunter das mit Paketklebeband zugeklebte Pissoir.

 

Wo sollen bloß all die Fußballer später nach dem dritten Bier pinkeln!

Naja, das sollte nicht sein Problem sein.

 

Als er leidlich fertig war oder beschloss, fertig zu sein, wusch er sich ganz schnell und zackig – sozusagen Hände einmal unter dem Strahl durchgeschossen – den Dreck des Tages ab, um den Italo-Keimen dort keine Chance zu geben, ihn noch mal so eben zufällig zu bespringen. Er fühlte sich gut, fast high, kniete sich vor den Spiegel, scannte sein Antlitz und war es leidlich zufrieden. Er kam vom Boden hoch, klopfte sich den Staub von den Knien und ging zurück.

 

Im Gastraum war alles wie zuvor. Sie waren immer noch die einzigen Gäste.

Allerdings hatte Tomate an Mozzarella sich noch etwas vermindert. Was dies nun bedeuten würde, wusste er allerdings noch nicht.

 

Und wie wunderbar: hier konnte er wieder richtig durchatmen, nachdem er gerade zuvor die Atmung maximal zu reduzieren versucht hatte. Das gelingt ja allerdings regelmäßig nicht, selbst wenn man durch den Mund atmet oder so tut als atme man gar nicht mehr. Kinderversuche, aber es klappt nie.

 

Der leichte und nur noch sehr dezente Geruch der Klosteine rückte fast ganz in den Hintergrund.

 

Er atmete langsam und tief, spürte eine immer größer werdende Entspannung sich ausbreiten. Sie unterhielten sich über Männer, Frauen, das Schreiben und wie man eine gute Story zu Papier bringt. Sie erzählte dann etwas von einem gutaussehenden Egozentriker, wie er es schafft, alle zu betören. Zumindest zeitweise. Immer mehr sank er in Träume, Farben, Grün, schwebte durch frische Lüfte, den Raum, die Wolken, über Berge, kurz ins All, zurück über Wiesen, Blumen, roch die Gräser und lauschte den Insekten. In der Ferne hörte er sie reden. Genauso fern sah er Fußballer bei ihrem Spiel. Immer ferner, immer leichter, froh, heiter, einfach glücklich. „So muss es im Himmel sein“ schaffte er gerade noch zu denken. Ihm wurde immer leichter, leichter und so sank er dahin.

 

Schwarz wie die Nacht nun.

 

Mit einem lauten Knall schlug er auf dem Boden auf, rief „Scheiße!“ und fasste sich an den Kopf. Kein Blut. Ein Glück! Er lag neben dem Tisch am Durchgang auf Grund sozusagen, die Nase auf dem abgewetzten Boden, eine Kippe und Basilikumblatt sowie diverse Wollmäuse vor der Nase.

Der „Odeur du Klostein“ (frz.) hatte ihn derart narkotisiert, dass es ihn erst in den Himmel und dann zu Boden riss.

 

La Mama kam und brachte die Rechnung.

 

„An Rehrücken oder umgekehrt gern wieder, aber nicht noch einmal an Klostein“ sagte er zu ihr und sie verließen die nach wie vor leere Stätte hinaus in den Regen.

 

M.F. - 2014  

 

(Hinweis: Einzelereignis, kein Urteil über Italien, Italiener oder italienische Restaurants. Der Verfasser ist ausdrücklicher Fan der italienischen Gastronomie, der italienischen Sprache und Italiens! Es hätte genauso Deutsche, Angolaner, Kasachen, Schweizer oder Türken "treffen" können!)

Dosenfisch        |        8.3.2016


Einmal im Jahr gibt es Dosenfisch.

Ich kramte im verstaubten Regal unter dem Fenster zwischen den Spinnweben in der Ecke, wo sich der Fisch befinden müsste. Hunger war schon da.

 

Eben auf dem Weg durch den Regen nach Hause kam mir plötzlich das ovale Bild in den Sinn. Diese Dose. Es war kalt, regnete leicht und meine Wollmütze steckte in der Tasche der Jacke. Die Gummis des Fahradlenkers verschoben sich alle 100m wieder, so blieben die Finger beim anstrengenden Zurückdrehen etwas warm in ihren Handschuhen....  Ich malte mir schon aus, wie ich diese Köstlichkeit vom Reststaub befreite und sie dann feierlich öffnen würde. Öffnen....

Es durchzuckte mich kurz und ich schien den kalten und nassen Fahrtwind unfreundlicher zu spüren.

 

Ganz hinten aus der Fischecke zog ich zunächst Makrelenfilets ans Licht. Aus Erfahrung heraus schielte ich zunächst auf das MHD (Bodenblech-Angabe) und war froh, mich gerade noch vor einer Vergiftung bewahrt zu haben: Juli 2013!

Dann fand ich tatsächlich das heißersehnte Oval: Heringsfilets in Tomatensauce.  Datum: Dezember 2016. Klasse!

Ich schnitt mit der elektrischen Schneidemaschine 2 Scheiben Graubrot, Butter kam drauf.

Ich griff zu der Dose, drehte sie prüfend, meditierend, ja fast zärtlich. Die Zeit schien still zu stehen. So muss Trance sein, dachte ich bei mir. Es war, als wollte ich ihr sagen: ich tu dir nichts.

Vielleicht hoffte ich, sie würde antworten: "ich tu dir auch nichts!"

 

Ich legte sie neben den Teller, ging ins Wohnzimmer und schaltete meine Multimedia-Anlage ein, um das Fernsehprogramm zu checken. Der Appetit war merkwürdiger Weise weniger geworden.

"Eigentlich wäre ein schlichtes Butterbrot auch nicht übel" dachte es in mir.

 

Ich ging zurück in die Küche, setzte im Wasserkocher Heißwasser auf. Eine heiße Schokolade wird mich wieder warm werden lassen. 1000 Watt sind schon ganz gut. Der Kocher ist ca.15 Jahre alt und tut es immer noch super. Ich wählte die Schokolade in den Einzelbeuteln, die mit dem Milchpulver drin. Da braucht man nicht so viel Frischmilch hinzuzufügen. Ich spähte in den Kühlschrank und stellte erleichtert fest, dass mein Milchvorrat noch mehr als einen Liter betrug. Ich trinke nur Frischmilch bzw. die Längerhaltbare. Frische gibt es ja kaum noch. Und auf den Markt gehe ich nicht.

Im Wohnzimmer berichtete mittlerweile Claus Kleber vom Heute Journal über die Überfischung in der Nordsee und Gegenmaßnahmen der EU.

Mit den beiden Butterbroten und der heißen Schokolade setzte ich mich auf den Fußhocker vor die Glotze. Und staunte über diese Mengen an Fisch, von denen da die Rede war.

 

Heiße Schokolade sättigt ganz schön.

 

Endlich gab ich mir einen Ruck, marschierte direkt - ohne über Los zu gehen - in die Küche, nahm die Dose in die Hand. Klar, ich hatte mir ja mitlerweile die optimalste Taktik überlegt: ich hielt sie tief in die Spüle. Dann zog ich ganz sanft an dem Ring.

Gaaaanz laaaangsam. Es machte ein leichtes, weißblechgedämpftes "Plopp". Uff. Der erste Schritt war gelungen. Noch war mein weißes T-Shirt jungfräulich. Ha! Das wäre doch gelacht, wenn ich es nicht schaffe! Ich zog langsam am Deckel, etwas mehr rechts zunächst, dann links. Immer schön im Wechsel. Bloß nicht zu schnell! Allmählich näherte ich mich dem Höhepunkt.

Die Konstrukteure müssen sich einen Spaß gemacht haben. Wie schafften sie es, diese letzten 15 mm zu einer Herausforderung des Jahres werden zu lassen? Ich bewegte den mittlerweile besonders zur letzten Verbindung Dose-Deckel hin stark gebogenen Deckel, an dem natürlich dick rote Soße drohend klebte, wie bei einer Bombenentschärfung vorsichtig hin und her. In Zeitlupe. Es blieb bei 15 mm. Die Zeit und auch mein Atem standen stilll....

 

Plötzlich "PLONGGG"!

 

Das T-Shirt erschien jetzt in rotem Jackson-Pollock-Look, was nicht dort gelandet war, klebte auf der Arbeitsplatte, dem Unterschrank, den Fliesen und auf dem Boden.

 

Gut, dass ich schon die Butterstullen verdrückt hatte.

 

Ich hatte heute morgen in meiner täglichen Affirmation erneut den Ersatz von "A........" durch "böser Schlumpf" und "Wi........" durch "Onanist" trainiert.

 

Nun blieb nur noch, "Sch....e" durch "braune Masse" zu ersetzen.

Ich musste lachen.

 

Der Hering war gut, es dauerte nur eine halbe Stunde, die Spuren zu beseitigen.

 

Dosenfisch-Dose

A-social Media                                                                                             

 

Als ich mich der Bushaltestelle nähere, stehen dort 10 Menschen mit gesenkten Köpfen, scheinbar meditativ versenkt.

Die meist linke Hand hängt bei der Hälfte locker hinunter, bei anderen ruht sie in einer Tasche.

Die meist Rechten halten etwas und lassen ihre Daumen flink über das Ding huschen. Manchmal wird auch wie nach oben oder unten gekickt. Ein andermal wie mit einem Joystick nach rechts oder links gewischt. Am Ende der flinken Huscherei in alle Richtungen folgt dann zumeist ein Drücken unten rechts; amüsiert stelle ich fest, dass dieser letzte Druck meist schwungvoller ausgeführt wird als die anderen. Fast wie die finale ausladende und markante Bewegung des Dirigenten vor seinem Orchester bevor dieses zur Ruhe kommt.

Die Minen wechseln dann in einen Ausdruck großer Erwartung. Die Zeit scheint still zu stehen, die Lüfte werden manchmal fast kollektiv kurz angehalten.

Dann geht es weiter, die meisten Minen entspannen sich, aber nicht alle. „Mist, schon wieder kein Netz!“ oder andere Grunzlaute und Gesten des Unmuts sind zu vernehmen.

Hier und da dann ein nettes Pfeifen – allerdings bin wohl leider wieder nicht ich gemeint. Die meisten Minen verfallen dann in eine Entspannung. Der Morgen scheint gerettet zu sein.

Während ich all dies mustere, kommt der Bus.

Mit weiterhin gesenkten Köpfen steigt die Meute ein, andere mit ebensolch gesenkten steigen aus und ich bin beeindruckt, dass es keine Verletzten gibt.

So ist es mir ohne große Schwierigkeiten gelungen, unbemerkt und unbehelligt meine Fahrt anzutreten. Ich würde sogar sagen: es war gar nicht anders möglich.

Heimlich denke ich: Dank sei UMTS, LTE, GPRS, 3G, 4G, 5G (Moment, gibt es das eigentlich?) und was weiß ich nicht noch.

„Einen schönen Tag noch!“ sage ich zu mir selbst, denn sonst ist keiner mental um mich anwesend, und springe vor dem nahenden Auto noch gerade eben vom Bussteig  rüber an den Fahrbahnrand, wo ich fast von einem rasenden Radler platt gemacht worden wäre, der gerade mit so einem Ding in seiner rechten Hand beschäftigt war…

 

(M.F. - Mai 2014)

Freigänger        |         2.2.2014

 

Er war eingesperrt im Freien.

War es „auf Bewährung“?

 

Wie unter einer Käseglocke abgetrennt von der umgebenden Welt, ging er langsam den Alsterweg am westlichen Alsterufer entlang - am Alsterpark gelegen - Richtung Stadtmitte, also nach Süden.

„Koordinaten und Navigation sind wichtig, geben halt“ sagte er wohlwollend, sich selbst beruhigend.

 

Die Alster ist in Hamburg ein Fluss und See gleichzeitig. Hier inmitten der Stadt weitet sich der von Norden kommende Fluss und nach einigen Brücken sowie Schleusen wird er südlich ins Hamburger Hafenbecken entlassen. Eigentlich ist es nur ein Teich und so flach, daß eine durchkenternde Jolle mit dem Mast kopfüber im Grund stecken bleibt.

Es war ein Nachmittag im Januar, die Luft feucht-neblig. ob es nun schon leichter Nieselregen oder erst noch hohe Luftfeuchtigkeit war, ließ sich mal wieder nicht genau sagen. Die Alster war zu dieser Jahreszeit bootsleer, dünnes und gebrochenes Eis bedeckte alles.

Die feuchte Kälte kroch in die Knochen und mittlerer Wind ließ vor dem inneren Auge eine dampfende Teetasse erscheinen. Er zog den Reißverschluss seiner Daunenjacke bis zum Anschlag nach oben.

„Die elenden Jogger sind selbst bei diesem Wetter nicht tot zu kriegen und rennen sich die Lunge aus dem Hals“ grummelte er. Stapfend, schnaubend und dampfend, manchmal auch riechend, ging es nonstop an ihm vorbei. Manche wälzten sich qualvoll voran als hätte gleich ihr letztes Stündlein geschlagen, andere gamsartig, schnell, elastisch und flink. Die waghalsigen Fahrradfahrer führten dann teilweise zu Manövern, durch die er sich nur durch einen gekonnten Seitensprung vor einer Kollision mit Jogger oder Fahrradfahrer retten konnte.

 

Und doch war trotz Kälte, Nässe, Schweißgeruch, Pfützendreck und Ausweichmanövern alles weit weg. Da hinten. Dort  bei denen, die nicht weggesperrt sind. Hierher zu ihm drangen nur gedämpfte Ausläufer, wie das Horn eines entfernten Dampfers im Hafen.

 

Hier war: weggesperrt.

Und er war hier.

 

Er war zeitlos. Es war schon immer so. Welche mächtige Instanz hat ihn bloß auf diese Weise ins Spiel gesetzt? „Geh direkt ins Gefängnis, nicht über Los und ziehe auch nicht 4000 Mark ein“ war wohl sein Los.

Und während er dort im virtuellen Gefängnis hockt, sieht er sie vorüber ziehen, teils ganz dicht, er könnte sie berühren, sie könnten ihn berühren. Aber es verhallt, entfernt sich, wird dumpf und stumpf. Er richtet sich im Hier ein.

 

Ohne größere Blessuren erreichte er den Alsterdampfer-Anleger „Alte Rabenstraße“. An der Kette vor dem Holzsteg hängt „Kein Winterdienst“. Dahinter vergnügte sich im gläsernen, vereisten Windschutzhäuschen ein Liebespaar.

 

Dahinter…..

Da hinten.

 

(M.F. - 2014)

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