Beim Lesen träumen wir uns irgendwie immer in Trance...

© Marc Fiddike


Die Entscheidungen waren nur der Anfang von etwas. Wenn man einen Entschluss gefasst hatte, dann tauchte man damit in eine gewaltige Strömung, die einen mit sich riss, zu einem Ort, den man sich bei dem Entschluss niemals hätte träumen lassen. (Der Alchimist) - Paulo Coelho

 

27.3.2019

 

Blutbahn  (was ist schon real?....)

 

Angespannt schaute ich durch die Scheiben des 1.-Klasse-Panoramaabteils auf den Bahnsteig. Wie an jedem Halt hoffte ich, dass sich die neuen Fahrgäste hinten in den Großraumteil setzen und mir meine Ruhe ließen. Schon gar nicht als Paar aufliefen und die himmlische Stille des Ruhebereichs störten. Dann müsste ich schon wieder aktiv werden und mehr oder weniger freundlich auf das große Schild verweisen.

Es käme zu Unmut und mehr oder weniger hitzigen Diskussionen, die im schlimmsten Fall mit dem Anruf des Schaffners als Schiedsrichter enden würden.

 

Ich gähnte, 4,5 Stunden seit Bad Kissingen lagen hinter mir, noch 1,5 Stunden von Hannover bis nach Hamburg. Ich waberte in diesem Zwischenzustand, in dem man nicht weiß, was oder ob man etwas will. Lesen oder nicht, dösen oder nicht, ins Dunkle starren oder nicht.

 

Die Tür des Panoramakabuffs öffnete sich und ein schlaksiger, um die 60-jähriger Mann schob mit Goretex-Laptoptasche und LKW-Planen-Umhängetasche herein. Etwas nervös und fahrig und gleichzeitig steif bugsierte er sich sprungartig auf den Fensterplatz der linken Abteilseite - auf meiner Höhe. Von meinem rechts gelegenen Einzel-Fensterplatz schielte ich verstohlen auf diese merkwürdige Erscheinung. Die Planen-Tasche legte er korrekt und im rechten Winkel auf die Ablage vor sich zum Zugführerabteil. Er rückte sie noch mehrmals hin und her und zurecht. Als er den Mantel auszog, erinnerte er mich an Mr. Bean. Der dunkle Tweet wurde ordentlich gefaltet und zum Vorschein kam ein grauer Anzug, der recht locker saß.

 

Stopp, das war zu schnell. Das mit dem Mantel war noch nicht dran. Er saß da und ich sah, wie ein ganz aufgefaltetes Papiertaschentuch seinen rechten Handrücken bedeckte. Er zupfte daran, hob es hoch, um nachzuschauen. Ich sah die Blutflecken.

Als er den Papierlappen nervös abhob, sprudelte es nahezu aus 3 Stellen, ich konnte nicht erkennen, ob es auf den Boden tropfte oder die Klamotte schon gelitten hatte.

 

Nervös zupfte er mit dem auf Halb Acht hängenden blutigen Stück Papier an der LKW-Tasche und dann an der anderen auf dem Boden. Zog den Reißverschluss auf, als suche er etwas, gleich wieder zu. Irgendwoher kramte er ein Paket Taschentücher und faltete eines auf, legte es wiederum einlagig über die ganze Hand. Es wurde rasch rot. Dann nahm er es, schnäuzte sich die Nase und legte es wieder auf die mit mittlerweile angetrocknetem und frischem Blut verklebte Hand und tupfte planlos darauf rum.

 

Ich war ja Arzt. Es ekelte mich, was ich da drüben sah.

 

„Nein, du wirst dich nicht zu erkennen geben, du bleibst inkognito“.

„Dieser komische Vogel, da stimmt doch was nicht.“

Vielleicht ist er Bluter oder Herzkrank, nimmt seine Blutverdünner-Tabletten zu häufig. Oder er ist ein Zwängler mit Persönlichkeitsstörung. Dieses Fahrige und Zurechtrücken einer Tasche angesichts des Verblutens… Er versuchte bei all dem, so normal wie möglich zu wirken. Das gelang ihm bei mir natürlich nicht. Ich durchschaute ihn.

 

„Du bist gestört, hast eine Meise, nicht mehr alle Tassen im Schrank.“ „Aber ich mache nix, ich habe frei.“

Ich ertappte mich dabei, dass ich es spannend fände, wenn das Blut einfach in Bahnen in der Bahn so rausliefe, er allmählich zusammensackt und dann einfach tot da läge. Irgendwie spannend. So alltäglich, normal, wahnsinnig wie das stinknormale Leben. Vielleicht waren diese Phantasien eine Kompensation meines Ekels, den ich im Moment nicht mehr so stark spürte. Es machte sich eher eine Art Sadismus in mir breit.

 

Mit dem locker am Handrücken klebenden Papiertüchlein stand er auf und zog sich eckig-ungeschickt den Mantel aus, faltete ihn ordentlich und legte ihn oben rauf.

Das schüttere, graue Haar tanzte ebenso ungeschickt auf seinem Kopf. Wie ein zerstreuter Professor setzte er sich hin und kramte von irgendwo eine offenbar schon häufiger gebrauchte Plastiktüte heraus. Daraus holte er eine weiße Papiertüte, aus dieser zog er ein halbes doppelseitig belegtes Brot und biss einmal rasch hinein.

Andere Leute halten ihr Brot in der Hand, schauen aus dem Fenster und beißen dann irgendwann wieder ab. Nicht so er allerdings.

Dieser Herr steckte es zurück in die Tüte, faltete sie und legte das Paket fein und korrekt neben die LKW-Tasche. Auch dies wurde nochmal korrigiert.

 

Nervös zupfte er wieder am blutigen Tempo. Offenbar war es ruhiger geworden.

 

Die Tür öffnete sich mit einem „die Fahrkarten bitte.“ Die Schaffnerin blieb cool und fragte ihn, ob er einen Verband brauche. „Nein danke, ich bin auf der Rolltreppe gestürzt. Aber vielleicht haben Sie ja 2 kleine Pflaster.“

Sie fragte noch 3x nach, er blieb dabei. „Ha, du hast bestimmt etwas zu verbergen. Du bist bestimmt ein ganz Schlimmer“ phantasierte ich sadistisch.

 

Die Szenerie faszinierte und ekelte mich zugleich. Dieser Mensch übte eine Kraft auf mich aus, die meine eigenen Abgründe zum Vorschein brachten… „Wie wäre es, wenn ich mit einem Messer etwas auf seiner Hand bohre? Wenn er Bluter ist, hätte er schlechte Karten“. Diese Hilflosigkeit, mit der er die Taschen öffnete, etwas rauskramte und wieder wegpackte. Oder sie einfach nur wieder schloss, wie er sein Brot pro Bissen ein- und auspackte. Ein wundes Wild, das zuckt. Es reizt einen, ihm den letzten Stoß zu geben…. Und nun kam kurz echtes Mitleid auf bei mir.

 

Die Schaffnerin brachte die erste Hilfe in Form von Pflaster. Er klebte je eines auf die 2 Fontänen-Stellen. Für das Dritte präparierte er jetzt erstaunlich geschickt aus einem Papiertüchlein ein kleines Stück heraus, rollte es, und benutzte es wie eine Art Mini-Druckverband. „Sehr clever, das hätte ich ihm nicht zugetraut“ dachte ich.

 

Die Taschen wurden geöffnet und wieder geschlossen und gerückt. Das Brot neigte sich dem Ende und sorgsam und penetrant wurden mehrfach alle letzten Krümel aus der Papiertüte gesammelt und in den Mund geschüttelt. So, wie manche Männer es beim Pinkeln oder an der Tanksäule machen.

Nun wurden die lokalen Zeitungen ausgepackt und die wohl Möbelhaus- oder Supermarktwerbung säuberlich aufgefaltet und studiert. Mit eckig-nervösen Blicken und Handbewegungen hielt er die Literatur Richtung Brille.

 

Eigentlich wollte ich mein Buch zur Hypnose weiterlesen, aber dieses Schauspiel neben mir bannte mich. Die Faszination, die von diesem kranken Geschöpf ausging, machte mir alles andere unmöglich.

Alles wurde nach und nach säuberlich gefaltet und wieder weggepackt.

Die eckig-zuckenden Bewegungen beruhigten sich etwas.

Hamburg Hbf nahte. Der Mann stand auf, zog seinen Mantel an. Dann kniete er sich auf den Boden, die wirren Haar zeigten in die Luft, als er unter den Sitz kroch und nachschaute, ob da noch…. Ja, was…. Brot?  Blut? Oder was war?

 

Nix war da. Er ging raus.

Was war er? Leiter einer Bankfiliale? Ein Psychiatrie-Patient? Ein Mensch mit einer Zwangsstörung? Ein Forscher an der UNI? Ein Lehrer im Burnout kurz vor der Pensionierung? Ich werde es nie erfahren.

 

Und ich? Wohin nun mit meinem Sadismus, meiner Ablehnung, meiner Misanthropie, meiner temporären Abneigung zu helfen?

Nun hatte ich keinen Sündenbock mehr für meinen Projektionsmüll! Schade.

Ich wendete mich also widerwillig meiner eigenen Leere und Unsicherheit zu und versuchte, gut zu mir zu sein. Am Dammtor stieg ich aus. Ich merkte nun, dass der Mann mir leidtut und wie hart ich war. Ich war müde nach dem Kongress, froh zu Hause zu sein. Ich war in Hypnose gewesen und meine Dämonen hatten auf dem Tisch getanzt.

Danke, Unbewusstes, dass du so ehrlich bist!

Mustafas Erwachen                 (Eine Geschichte zu einem wunderschönen Marokko-Reisekalender eines Freundes - 2.1.19)

 

Er schaute aufs Meer, während sie unterging.
 

Wüsste man nicht, wo das Kalenderblatt entstanden war, so würde man eher einen Sonnenaufgang vermuten. Für Marokko müsste man dann aber die Erde auf den Kopf stellen. So schnell geht das nicht, das dauert, wie wir ja wissen.

 

Über dem Horizont ein lichter, blendender Streifen, gleißend wie ein Atompilz, breit, darüber eine schwere, von unten beleuchtete Wolkendecke mit ihren gelbgrauen Kissen. Immer wieder erstaunlich, dass diese dort oben hängen bleiben.

 

Mustafa sinnierte gedankenverloren, starrte in das Licht und vergaß alles um sich herum. Die Zeit blieb stehen, soweit es sie überhaupt gab. Er nahm nur noch Licht wahr und fühlte eine Leichtigkeit und Helle in sich. Er saß dort am steinigen Strand auf einem größeren Stein. Die raue und sogleich so liebliche Natur umhüllte ihn, er war eins mit ihr. Eine tiefe Ruhe und Geborgenheit machten sich immer mehr in ihm breit, er war zutiefst dankbar.

 

Er wusste nicht, wie lange er hier gewesen war. Abrupt tauchte er wieder auf, draußen war es inzwischen dunkel. Aufgelockerte Bewölkung ließ ein paar Sterne durch, Mondlicht war nicht da. Die Brandung schlug ans Ufer und in dem Schwarz gab es keine Reflexionen.

 

Plötzlich kroch ihm wieder ins Bewusstsein, weshalb er hier an die Küste gekommen war, ihn fröstelte etwas. Es war ernüchternd. Dieser himmlische Zustand von vorhin – er konnte sich nur noch schemenhaft daran erinnern – war phantastisch gewesen und er würde sich nichts mehr wünschen, als diese Art der Ekstase jederzeit wieder erleben zu können. Dennoch war dieser Kontrast zu seinem realen Leben äußerst groß. Wie könnte es ihm gelingen, immer wieder dorthin gehen zu können?

 

Er war nicht wirklich müde, wusste aber, dass morgen ein anstrengender Tag werden würde. Der Bus hatte ihn heute von Marrakesch nach Essoquira gebracht, 3 Km südlich davon hatte er seinen Onkel aufgesucht, der dort in einer schwer zu erreichenden und tourismusfreien Bucht ein Haus hatte. Er hatte dort in einer kleinen Kammer sein Lager aufschlagen können.

 

Also stapfte er über die Steine zurück, kaum seine Füße erkennend. Die Busfahrt ist teuer und er war 3 Jahre nicht mehr hier gewesen. Noch wusste er nicht, wie er seine Rückfahrt bezahlen könnte. Sein Onkel hatte ein kleines Fischerboot und fuhr also nachts raus. Die Fischfähre, wie er das Transportboot für die Fische nannte, kam gegen 8 Uhr morgens, um die Fänge einzusammeln, besser einzukassieren. Denn viel Geld gab es nicht. Pro Kilo Fisch gab es 30 Dirham. Ein Laib Brot kostet 10 Dirham und Zahnpasta 20. Wie viele hier, so kam auch sein Onkel gerade so über die Runden. Wenn der Fischdampfer Richtung Essoquira mit 45 Knoten schließlich davon röhrte, war es Zeit zum Schlafengehen. Das Überleben war für 3 Tage wieder gesichert.

 

Mustafa näherte sich dem schlichten Haus am Rande der kleinen Bucht. Sein Onkel war mit seinem kleinen Fischerboot bereits rausgefahren. Der alte Wecker in der kleinen Küche zeigte 4 Uhr morgens. So lange war Mustafa also versunken. Er nahm sich noch ein Stück Brot, trank etwa Wasser und legte sich schlafen. Unruhig schwirrten nun wieder Gedanken umher an seine Familie, die Armut, die Sorgen um die Zukunft und die Gesundheit. Und an Samira.

 

Samira war sein geliebtes Kamel und seine Existenz. Samira war seit einiger Zeit krank und keiner hatte ihr bisher helfen können. In Merzouga, in den ersten Ausläufern der Sahara gelegen, lag sie seit Wochen unter dem Palmendach des Stalls. Alle Beduinen, Freunde und sonstigen Fachleute wussten nicht mehr weiter. Sie aß kaum, mit Mühe trank sie etwas.

 

Mustafa hatte den weiten Weg von Merzouga im Osten Marokkos über Ainif, Tinghir, El Kelaa, Quarzazate und Marrakesch hierher zu seinem Onkel gemacht. Gestern Mittag war er angekommen nach 3 Tagen Reise über 800 km. Weitgehend per Anhalter. Das letzte Stück hatte er sich den Bus gegönnt mit seinem restlichen Geld.

 

Sein Onkel war seine Hoffnung. Sein Onkel Nael war ein einfacher aber besonderer Mensch. Schon früh ist er seiner eigenen Wege gegangen. Er lebte sehr natürlich und trotz der modernen Abhängigkeit von der Fischereimafia ließ er sich nicht von seinen Prinzipien abbringen. Und er verfügte über eine ganz besondere Gabe. Er war sozusagen ein Kamelflüsterer. Hier an der Küste gab es viel weniger Kamele als in Richtung Landesinnere, erst Recht Richtung Wüste. Nael wollte das mit den Kamelen nie so hoch hängen, sonst hätte er ja woanders hinziehen und mit seinen Heilkräften reich werden können. Also beschränkte er sich darauf, gelegentlich mal notleidenden Beduinen mit ihrem kranken Vieh zu helfen.

 

Mustafa wusste, dass es nur in Ausnahmen nötig sei, das Tier persönlich zu sehen. Besser als Skype sei es, eine frische Probe Haar des kranken Tieres zu bringen. Und die Anwesenheit eines dem Tier sehr nahen Menschen helfe außerdem dabei. Das war der Grund – neben Respekt, Dankbarkeit und Überreichung eines Geschenks an den Onkel Nael –, weshalb Mustafa sich auf die weite Reise gemacht hatte.

 

Der Umschlag mit den Haaren Samiras lag auf der Holzkommode und allmählich und mit froher Zuversicht auf den morgigen Tag, schlief Mustafa endlich ein.

 
Mustafa träumte. Er sah sich, wie er mit der inzwischen wieder genesenen Samira an den Zügeln durch die Wüste zog, den Kopf eingehüllt in Tuch und somit vor Hitze und kräftigem sandigen Wind geschützt. Sein blaues Hemd und sein oranges Tuch um den Kopf fügten sich malerisch in die rotbraune Wüstenfarbe ein. Auf den Fotos der Touristen wurde oft eben diese Verschmelzung von Mensch, Tier und Natur bewundert, durch das Einhüllen erkannte man oft nicht, wohin es geht, wohin der Führer des Tieres eigentlich schaut. Gerade die zu Hause gebliebenen staunten über die magische Kraft des undefinierten Moments dieser Bilder. Es wirkte auf manchen Fotos wie eine Tüte über dem Kopf, ein zielloses Ziehen durch die Welt.

 

Mustafa erwachte durch Geräusche aus der Küche. Sein Onkel Nael ist heute etwas eher von See zurückgekommen und hatte seinen Kollegen Albi beauftragt, seinen Fang später der Mafia auf Ihrenm Schutzgelddampfer zu übergeben. So hatte er heute früher schlafen können und Zeit für Mustafas Anliegen.

 

„Guten Morgen Mustafa“ begrüßte Nael ihn freundlich, ihm einem Kaffee im Metallbecher reichend.

 „Ich habe Pfannkuchen bereitet und einige Datteln zum Frühstück“.

 Mustafa rieb sich die Augen, nahm dankend den Kaffee und setzte sich auf.

 „Nael, ich freue mich so, dass ich hier sein darf und hoffentlich mit deiner Hilfe alles wieder gut wird. Ich liebe Samira und ich brauche sie, um wieder mit ihr arbeiten zu können und unsere Familie zu ernähren. Mutter und Schwester machen sich solche Sorgen.“

 

„Bisher hat es meistens geklappt, Mustafa. Ich freue mich, dich mal wieder zu sehen. Ich war lange nicht mehr bei euch in Merzouga und weiß schon gar nicht mehr, wie meine Schwester Baryia aussieht“ scherzte er. Natürlich skypten sie ab und zu, auch wenn die Leistungsfähigkeit seines nun 5 Jahre alten Mobiltelefons und des marokkanischen WLANs – besonders in dieser Kombination – zu wünschen übrigließen.

 

Armut macht erfinderisch und so hatte Mustafas Vater sich auf den Kokainhandel nach Europa eingelassen. Touristen auf Kamelen durch die Wüste zu führen wurde immer schwieriger, die Konkurrenz wuchs und die Angst vor Terror, Taliban, Entführungen und Co. führten zu Rückgängen der Wüstenschaulustigen. Hauptsächlich allerdings die Zahl der organisierten Urlaubsverbrecher – äh Touristen. Backpacker oder Camper-Touristen blieben auf demselben Niveau. Sie sind offenbar nicht so leicht abzuschrecken.

 

Das mit dem Koks ging nicht lange gut. Trotz Verbindungen in die Riege der Polizei und selbstverständlich Schmiergeldern konnte es nicht verhindert werden, dass Ali – Mustafas Vater – in den Knast gewandert ist. Dort sitzt er jetzt seit 1 Jahr. Mutter hält die treue, besucht ihn mindestens 1x pro Woche. 1 Jahr hat er noch nach. Leicht ist es nicht.

 

Seine Mutter ist etwas verbittert, denn dieses Drogen-Jahr über hatten Sie reichlich Geld. Sie mussten sogar aufpassen, dass das Umfeld nicht misstrauisch wurde. Sie gönnten sich häufiger mal Ausflüge. Auch in die Source Bleu, die Badeoase von Meski – 40 km entfernt. Das war dann schon ein ganzer Tag, über die Landstraße dahin. Die erfrischende Belohnung war es wert. Man genoss den Tag dort, auch mit dem guten Essen im Anschluss.
Auch Mustafa musste seine Kamelrunden seltener machen, hatte mehr Zeit für Muße und Nichtstun oder Abhängen mit Freunden. Samira fühlte sich auch wohl, weil sie nicht so arg „ran“ musste.

 

Seit einem Jahr war dann alles andere. Armut kroch zurück. Samira und Mustafa musste ran, Mutter sammelte Holz und verkaufte es auf dem Markt, seine Schwester versuchte sich mit dem Nähen. Aber es reichte immer nur knapp. Und nun wurde auch Samira noch krank, was sie alle an den Rand brachte. Mustafa entschloss sich, seinen Onkel zu bitten, obwohl er selbst skeptisch war. Zwar war er Muslim und betete auch seine Rituale so, wie er es gelernt hatte. Aber – ich als Erzähler weiß es ja – wirklich glauben tat er nicht und was das war, wusste er auch nicht wirklich.

 

 In der Not frisst der Teufel halt Fliegen.

 

 „Onkel, wie funktioniert das eigentlich gleich?“ fragte er und gleichzeitig blitzte sein gestriges abendliches Erlebnis am Strand auf.

 „Ich werde ein kleines Feuer in der Feuerstelle im Hof machen, dann später Weihrauch und Salbei in die Glut legen. Ein paar Haare von Samira kommen dazu, die anderen lege ich vor mir hin. Dann werde ich mich versenken, zu Gott sprechen und um die Heilung von Samira bitten. Das wars dann.“

 

Mustafa schwieg. Einerseits skeptisch, andererseits inständig hoffend, dass es funktioniert.

 

Onkel Nael tat Holzstücke in den Metallring, der sie wie in einer größeren runden Kuchenform zusammenhielt. Zündete sie mit etwas Reisig an. Nach einer Weile kam mehr Glut, das Feuer wurde kleiner.

Sie saßen sich gegenüber, die Feuerstelle zwischen sich. Es war still. Als die letzte Flamme erloschen war, tat Onkel Nael Stückchen Weihrauch und Salbeiblätter auf die Glut und ein paar Haare seiner geliebten Samira.

 

„Setz dich aufrecht hin, offene Hände und schließ die Augen“ befahl sein Onkel. „Öffne dich dem großen Ganzen, verbinde dich mit Samira aus deinem Herzen heraus und wünsche ihr alles Gute und Heilung.“

 

Dann war Stille.

 

Mustafa sah Samira, seinen Heimatort, spürte seine Verbundenheit und auch mit seinem Onkel. Er spürte dasselbe Licht wie gestern Abend, die Zeit hörte wieder auf. Ihm wurde warm, es kribbelte in ihm und er spürte Energieströme zwischen sich und Samira, genauso wie auch zu seinem Onkel und zu seiner Familie. Alles schien eins zu werden. Es war auch wie ein Ziehen… Als würde etwas aus Samira fließen und er spürte es körperlich. Es war unangenehm aber er wusste, das war vorübergehend und seine Gewissheit wuchs, dass alles gut werden würde.

 Es war nun ganz friedlich in Ihm, die Aufruhr hatte sich gelegt.

 

„Nun ist es gut“ sagte Nael und seufzte tief. „Im Namen von Gott und allen guten Kräften des Universums möge Samira nun gesund sein und immer bleiben und ihrem Job weiter fröhlich nachgehen!“

Nael machte eine angedeutete Verneigung und legte die restlichen Haare in die Glut.

Mustafa öffnete nun die Augen und war erstaunt, wie viel Zeit vergangen war. Er fühlte sich frisch und er und Nael lächelten sich an.

 

Mustafa bedankte sich bei seinem Onkel, umarmte ihn. Er überreichte ihm die mitgebrachten Kostbarkeiten, Spezialitäten zum Essen aus seiner Region, liebevoll verpackt.

Er versprach, seinem Onkel nächsten Morgen noch zu helfen, den Fisch für die örtlichen Kunden nach Wunsch auszunehmen. Dazu gab es diesen großen Stein. Sein Onkel zeigte ihm, wie das geht.

 „Mustafa, du hast das heute gut gelernt, komm doch ab und zu wieder und hilf mir“ sagte er schmunzelnd abends, während er ihnen Fisch zubereitete.

 

Am nächsten Tag verließ Mustafa ihn morgens, dankte ihm mit einer respektvollen Geste, winkte noch einmal. Zur Busstation gelangte er per Anhalter, dann bis Marrakesch über 4 Stunden per Bus, von wo er sich dann wieder 2 Tage per Anhalter bis nach Hause durchschlug.

 

Durch marokkanische Landschaften, vorbei irgendwo durch das Nirgendwo, Seen wie in Mondlandschaften, Schluchten und auch mal Betonbrücken.

Als er sich dem Haus näherte, Umschlag seine Mutter ihn voller Dank und zeigte auf Samira, die vor 2 Tagen bereits angefangen hatte, sehr viel munterer zu werden und seit gestern wieder aß. Sie waren alle überglücklich.

Nach weiteren 10 Tagen war Samira so weit wiederhergestellt, dass sie unruhig wurde und man ihr anmerkte, dass sie wieder arbeiten wollte.

 

So kam es denn auch und gleichzeitig lief das Geschäft besser, die Preise konnten erhöht werden.

Mustafa wusste nun, was Beten und Glauben war. Beides war real und kein totes Ritual. Dankbar versenkte er sich ab nun jeden Abend mit guten Wünschen für sich selbst, seine Lieben und die ganze Welt.

 

Zu aller Freude wurde sein Vater früher als erwartet entlassen.

 

M.F.

An Mozzarella       |      gepostet 17.7.18

 

Es war gar nicht so kalt.

Sie schlenderten am trüben späteren Montagabend die regennasse Straße entlang.

„Da hinten rechts um die Ecke gibt’s einen Italiener. Da wollte ich immer schon mal hin“ sagte sie.

Sie fanden das Eckrestaurant, in dem sich wohl Menschen befanden. Es brannte Licht.

 

Der vordere Raum war mit einigen 4er- und ein paar 2er-Tischen befüllt. Die eifrige Italienische Mama mittleren Alters beeilte sich nun beflissen, Ihnen zwei Tische zur Wahl anzubieten. Wobei es eigentlich keine Wahl gab! Offenbar erwartete sie noch ein oder zwei Fußballmannschaften.

Der eine der beiden Katzentische wirkte links zwischen die anderen gequetscht, der zur Rechten stand direkt am Durchgang zur zweiten Raumhälfte, wo offenbar die Familie oder noch mehr von ihr sich fest mit Jacken und Plastikflaschen an und auf den Tischen eingerichtet hatte.

 

Ganz Kavalier ließ er die Dame auf der Bank am Fenster (nicht auf der Fensterbank) Platz nehmen. Er setzte sich auf den Stuhl direkt im Durchgang zum hinteren Zimmer. Eifrig wurde die Tageskarten-Tafel an den Tisch gestellt und die in Lederimitat gebundene Handversion gereicht. Erster Eindruck: das Teelicht wurde nicht entzündet. Durchgefallen!

 

Offenbar war nur vorne geheizt. Durch die Luftzirkulation vom vorderen wärmeren Raum in den hinteren war da ein leichter angenehmer Luftstrom, in dem er saß.

Er mochte Luft.

Luft war gut.

Immer.

Auch, wenn er oft nicht raus ging.

Es gab ja Fenster.

 

Irgendwas an dieser Luft hier war aber nicht gut. Ganz, ganz langsam kroch die Ahnung ihm die Nase hoch bis zum Riechnerv. Es formte sich langsam ein Bild, aus einem Wabernden etwas, wolkig, unbestimmt, kam es näher, rotierte wie ein Highspeed-Kreisel, wurde langsamer und blieb mit einem Knall abrupt stehen: Das war es. KLOSTEIN!

 

Dieses giftgrüne Etwas, das die Herren der Schöpfung in der Steh-Schüssel hinter sich zurück lassen, wenn sie – ohne sich die Hände zu waschen zumeist – den Saal der Erleichterung verlassen, den Hosenbund noch zurechtrückend und somit ohne die Türen zu schließen. Man stelle sich das nun vor: die Warm-Kalt-Fronten und Zirkulationen im Gastraum vermengen sich mit den grünen Dämpfen der durch den heißen Urin schmelzenden Klosteine da hinten.

 

Klostein! Nein, eigentlich Pinkelstein. Vor Wikipedia dachte er noch, es hieße Urinstein. Aber Urinstein ist noch schlimmer. Das sind nämlich die gelblich-braunen kristallinen Ablagerungen in Pissoirs oder Kloschüsseln, die durch Ausfällungen des Urins in fester oder pastöser Form erfolgen.

Während das beißend giftgrüne Gas seine Nase immer tiefer erkundete, studierte er die Tageskarte. Man bestellte 2 Softdrinks groß, einmal Pasta, 1 Mal Tomate an Mozzarella.

 

… An Mozzarella.
Irgendwie erinnerte ihn dies an etwas. Was war es nur?

 

Na klar. Er saß jetzt an Klostein. Oder fast im Klostein. Im Urinstein? Im Urin? Er saß „An“. „Rehrücken an Estragon-Püree“. Köstlich! Oder aber „Rinderfilet-Streifen an Gorgonzola-Pasta“ neulich im Eckrestaurant. Dabei handelte es sich allerdings nur um die singuläre Form, also „den“ Rinderfilet-Streifen. Für 9,50 Euro war wohl nicht mehr drin.

 

Wann kamen eigentlich die Fußballer? Er interessierte sich die Bohne für Fußball, dafür waren die Fußballer doch ganz interessante Gesellen. Na, die kommen schon noch. Die Wirtin hatte ja gut vorgesorgt und alle 4er-Tische reserviert.

 

Genpräparierte blassrosa Tomaten mit Mozzarellascheiben auf sich wurden serviert sowie die Pasta Gorgonzola. Für ihn bereits die zweite Pasta des Tages. „So geht das nicht weiter!“ sagte er leise streng zu sich.

„Es ist ja sinnvoll, daß ich bereits gut zahlendes Fördermitglied im Fitness-Club bin, aber aktive Teilnahme würde mehr Pasta ermöglichen.“

 

Die Dame gegenüber überlegte sich indes, ob ihre Migräne nun vorbei sei, oder Kotzen folgen müsse. Ob sie äße oder nicht, ob sie äße, dann noch mehr Migräne bekäme oder nicht äße und dann nicht kotze oder erst kotze, wenn die Migräne da ist. Oder ob sie kotze, ohne die von Mozzarella erdrückten Gentomaten zu essen. Eine schwierige Entscheidung wie er mitfühlend feststellte.

 

Mit der Zeit wuchs bei ihm der Drang bzw. eher Zwang oder die Not, sich auf den Weg zu diesen giftgrünen Objekten da hinten zu machen. Schließlich hatte die Mama nach der Bestellung ihrer Getränke noch einmal suggestiv nachgefragt, daß es doch der große Spezi sein solle, ja? Da kann man ja nichts machen. Er grüßte die familienartige Ansammlung im hinteren Raum und bog dem Geruch folgend neben dem Tresen nach links ab.

Praktischer Weise standen alle Türen offen, sie ließen sich auch kaum bewegen. Das ist bei Durchzug gut, so kann es nicht knallen. Wie so oft auch in anderen Gastronomiebetrieben wirkte auch der Toiletten-Vorflur hier wie das Vorbereitungszimmer für die Küche. Ein klappriges Tischchen mit Servietten, Besteck, Gewürzen, Salz- und Pfefferstreuern, verschlissenen Fußleisten, sich wellenden abgewetztem Linoleum. Klar, bei derart häufiger Reinigung bleibt das nicht aus. Zum Glück konnte er dort keine Salatanrichte ausmachen.

 

Dunkel war es im Männerklo. Das verhieß nichts Gutes!

Widerwillig tastete er mit der Linken zum Lichtschalter. Diese Bakterien hätte er sich gerne erspart. Es nützte nichts. „Vor 40 Jahren gab es halt noch keine Bewegungsschalter“ grummelte er vor sich hin.

Die 30W Birne hinter der gelbbraun-angelaufenen und gesprungenen Plastik-Lampenverkleidung über dem Spiegel, dessen Oberkante ihm bis circa zu den Brustwarzen reichte, schummerte ihm den Weg. „Jaja, Italiener sind halt klein!“

 

Durch die nächste Tür kam er nun endlich in die Entlastungs-Hallen. Es war so schummrig, er konnte das Grün der Klosteine gar nicht genau ausmachen. Es reichte gerade zum Zielen. Oder waren sie rosa? Zu seiner rechten klebte ein offenbar schon mehrfach befeuchteter und wieder getrockneter Zettel. „Defekt“ konnte er gerade noch entziffern. Darunter das mit Paketklebeband zugeklebte Pissoir.

 

Wo sollen bloß all die Fußballer später nach dem dritten Bier pinkeln!

Naja, das sollte nicht sein Problem sein.

 

Als er leidlich fertig war oder beschloss, fertig zu sein, wusch er sich ganz schnell und zackig – sozusagen Hände einmal unter dem Strahl durchgeschossen – den Dreck des Tages ab, um den Italo-Keimen dort keine Chance zu geben, ihn noch mal so eben zufällig zu bespringen. Er fühlte sich gut, fast high, kniete sich vor den Spiegel, scannte sein Antlitz und war es leidlich zufrieden. Er kam vom Boden hoch, klopfte sich den Staub von den Knien und ging zurück.

 

Im Gastraum war alles wie zuvor. Sie waren immer noch die einzigen Gäste.

Allerdings hatte Tomate an Mozzarella sich noch etwas vermindert. Was dies nun bedeuten würde, wusste er allerdings noch nicht.

 

Und wie wunderbar: hier konnte er wieder richtig durchatmen, nachdem er gerade zuvor die Atmung maximal zu reduzieren versucht hatte. Das gelingt ja allerdings regelmäßig nicht, selbst wenn man durch den Mund atmet oder so tut als atme man gar nicht mehr. Kinderversuche, aber es klappt nie.

 

Der leichte und nur noch sehr dezente Geruch der Klosteine rückte fast ganz in den Hintergrund.

 

Er atmete langsam und tief, spürte eine immer größer werdende Entspannung sich ausbreiten. Sie unterhielten sich über Männer, Frauen, das Schreiben und wie man eine gute Story zu Papier bringt. Sie erzählte dann etwas von einem gutaussehenden Egozentriker, wie er es schafft, alle zu betören. Zumindest zeitweise. Immer mehr sank er in Träume, Farben, Grün, schwebte durch frische Lüfte, den Raum, die Wolken, über Berge, kurz ins All, zurück über Wiesen, Blumen, roch die Gräser und lauschte den Insekten. In der Ferne hörte er sie reden. Genauso fern sah er Fußballer bei ihrem Spiel. Immer ferner, immer leichter, froh, heiter, einfach glücklich. „So muss es im Himmel sein“ schaffte er gerade noch zu denken. Ihm wurde immer leichter, leichter und so sank er dahin.

 

Schwarz wie die Nacht nun.

 

Mit einem lauten Knall schlug er auf dem Boden auf, rief „Scheiße!“ und fasste sich an den Kopf. Kein Blut. Ein Glück! Er lag neben dem Tisch am Durchgang auf Grund sozusagen, die Nase auf dem abgewetzten Boden, eine Kippe und Basilikumblatt sowie diverse Wollmäuse vor der Nase.

Der „Odeur du Klostein“ (frz.) hatte ihn derart narkotisiert, dass es ihn erst in den Himmel und dann zu Boden riss.

 

La Mama kam und brachte die Rechnung.

 

„An Rehrücken oder umgekehrt gern wieder, aber nicht noch einmal an Klostein“ sagte er zu ihr und sie verließen die nach wie vor leere Stätte hinaus in den Regen.

 

M.F. - 2014  

 

(Hinweis: Einzelereignis, kein Urteil über Italien, Italiener oder italienische Restaurants. Der Verfasser ist ausdrücklicher Fan der italienischen Gastronomie, der italienischen Sprache und Italiens! Es hätte genauso Deutsche, Angolaner, Kasachen, Schweizer oder Türken "treffen" können!)

Dosenfisch        |        8.3.2016


Einmal im Jahr gibt es Dosenfisch.

Ich kramte im verstaubten Regal unter dem Fenster zwischen den Spinnweben in der Ecke, wo sich der Fisch befinden müsste. Hunger war schon da.

 

Eben auf dem Weg durch den Regen nach Hause kam mir plötzlich das ovale Bild in den Sinn. Diese Dose. Es war kalt, regnete leicht und meine Wollmütze steckte in der Tasche der Jacke. Die Gummis des Fahradlenkers verschoben sich alle 100m wieder, so blieben die Finger beim anstrengenden Zurückdrehen etwas warm in ihren Handschuhen....  Ich malte mir schon aus, wie ich diese Köstlichkeit vom Reststaub befreite und sie dann feierlich öffnen würde. Öffnen....

Es durchzuckte mich kurz und ich schien den kalten und nassen Fahrtwind unfreundlicher zu spüren.

 

Ganz hinten aus der Fischecke zog ich zunächst Makrelenfilets ans Licht. Aus Erfahrung heraus schielte ich zunächst auf das MHD (Bodenblech-Angabe) und war froh, mich gerade noch vor einer Vergiftung bewahrt zu haben: Juli 2013!

Dann fand ich tatsächlich das heißersehnte Oval: Heringsfilets in Tomatensauce.  Datum: Dezember 2016. Klasse!

Ich schnitt mit der elektrischen Schneidemaschine 2 Scheiben Graubrot, Butter kam drauf.

Ich griff zu der Dose, drehte sie prüfend, meditierend, ja fast zärtlich. Die Zeit schien still zu stehen. So muss Trance sein, dachte ich bei mir. Es war, als wollte ich ihr sagen: ich tu dir nichts.

Vielleicht hoffte ich, sie würde antworten: "ich tu dir auch nichts!"

 

Ich legte sie neben den Teller, ging ins Wohnzimmer und schaltete meine Multimedia-Anlage ein, um das Fernsehprogramm zu checken. Der Appetit war merkwürdiger Weise weniger geworden.

"Eigentlich wäre ein schlichtes Butterbrot auch nicht übel" dachte es in mir.

 

Ich ging zurück in die Küche, setzte im Wasserkocher Heißwasser auf. Eine heiße Schokolade wird mich wieder warm werden lassen. 1000 Watt sind schon ganz gut. Der Kocher ist ca.15 Jahre alt und tut es immer noch super. Ich wählte die Schokolade in den Einzelbeuteln, die mit dem Milchpulver drin. Da braucht man nicht so viel Frischmilch hinzuzufügen. Ich spähte in den Kühlschrank und stellte erleichtert fest, dass mein Milchvorrat noch mehr als einen Liter betrug. Ich trinke nur Frischmilch bzw. die Längerhaltbare. Frische gibt es ja kaum noch. Und auf den Markt gehe ich nicht.

Im Wohnzimmer berichtete mittlerweile Claus Kleber vom Heute Journal über die Überfischung in der Nordsee und Gegenmaßnahmen der EU.

Mit den beiden Butterbroten und der heißen Schokolade setzte ich mich auf den Fußhocker vor die Glotze. Und staunte über diese Mengen an Fisch, von denen da die Rede war.

 

Heiße Schokolade sättigt ganz schön.

 

Endlich gab ich mir einen Ruck, marschierte direkt - ohne über Los zu gehen - in die Küche, nahm die Dose in die Hand. Klar, ich hatte mir ja mitlerweile die optimalste Taktik überlegt: ich hielt sie tief in die Spüle. Dann zog ich ganz sanft an dem Ring.

Gaaaanz laaaangsam. Es machte ein leichtes, weißblechgedämpftes "Plopp". Uff. Der erste Schritt war gelungen. Noch war mein weißes T-Shirt jungfräulich. Ha! Das wäre doch gelacht, wenn ich es nicht schaffe! Ich zog langsam am Deckel, etwas mehr rechts zunächst, dann links. Immer schön im Wechsel. Bloß nicht zu schnell! Allmählich näherte ich mich dem Höhepunkt.

Die Konstrukteure müssen sich einen Spaß gemacht haben. Wie schafften sie es, diese letzten 15 mm zu einer Herausforderung des Jahres werden zu lassen? Ich bewegte den mittlerweile besonders zur letzten Verbindung Dose-Deckel hin stark gebogenen Deckel, an dem natürlich dick rote Soße drohend klebte, wie bei einer Bombenentschärfung vorsichtig hin und her. In Zeitlupe. Es blieb bei 15 mm. Die Zeit und auch mein Atem standen stilll....

 

Plötzlich "PLONGGG"!

 

Das T-Shirt erschien jetzt in rotem Jackson-Pollock-Look, was nicht dort gelandet war, klebte auf der Arbeitsplatte, dem Unterschrank, den Fliesen und auf dem Boden.

 

Gut, dass ich schon die Butterstullen verdrückt hatte.

 

Ich hatte heute morgen in meiner täglichen Affirmation erneut den Ersatz von "A........" durch "böser Schlumpf" und "Wi........" durch "Onanist" trainiert.

 

Nun blieb nur noch, "Sch....e" durch "braune Masse" zu ersetzen.

Ich musste lachen.

 

Der Hering war gut, es dauerte nur eine halbe Stunde, die Spuren zu beseitigen.

 

Dosenfisch-Dose

A-social Media                                                                                             

 

Als ich mich der Bushaltestelle nähere, stehen dort 10 Menschen mit gesenkten Köpfen, scheinbar meditativ versenkt.

Die meist linke Hand hängt bei der Hälfte locker hinunter, bei anderen ruht sie in einer Tasche.

Die meist Rechten halten etwas und lassen ihre Daumen flink über das Ding huschen. Manchmal wird auch wie nach oben oder unten gekickt. Ein andermal wie mit einem Joystick nach rechts oder links gewischt. Am Ende der flinken Huscherei in alle Richtungen folgt dann zumeist ein Drücken unten rechts; amüsiert stelle ich fest, dass dieser letzte Druck meist schwungvoller ausgeführt wird als die anderen. Fast wie die finale ausladende und markante Bewegung des Dirigenten vor seinem Orchester bevor dieses zur Ruhe kommt.

Die Minen wechseln dann in einen Ausdruck großer Erwartung. Die Zeit scheint still zu stehen, die Lüfte werden manchmal fast kollektiv kurz angehalten.

Dann geht es weiter, die meisten Minen entspannen sich, aber nicht alle. „Mist, schon wieder kein Netz!“ oder andere Grunzlaute und Gesten des Unmuts sind zu vernehmen.

Hier und da dann ein nettes Pfeifen – allerdings bin wohl leider wieder nicht ich gemeint. Die meisten Minen verfallen dann in eine Entspannung. Der Morgen scheint gerettet zu sein.

Während ich all dies mustere, kommt der Bus.

Mit weiterhin gesenkten Köpfen steigt die Meute ein, andere mit ebensolch gesenkten steigen aus und ich bin beeindruckt, dass es keine Verletzten gibt.

So ist es mir ohne große Schwierigkeiten gelungen, unbemerkt und unbehelligt meine Fahrt anzutreten. Ich würde sogar sagen: es war gar nicht anders möglich.

Heimlich denke ich: Dank sei UMTS, LTE, GPRS, 3G, 4G, 5G (Moment, gibt es das eigentlich?) und was weiß ich nicht noch.

„Einen schönen Tag noch!“ sage ich zu mir selbst, denn sonst ist keiner mental um mich anwesend, und springe vor dem nahenden Auto noch gerade eben vom Bussteig  rüber an den Fahrbahnrand, wo ich fast von einem rasenden Radler platt gemacht worden wäre, der gerade mit so einem Ding in seiner rechten Hand beschäftigt war…

 

(M.F. - Mai 2014)

Freigänger        |         2.2.2014

 

Er war eingesperrt im Freien.

War es „auf Bewährung“?

 

Wie unter einer Käseglocke abgetrennt von der umgebenden Welt, ging er langsam den Alsterweg am westlichen Alsterufer entlang - am Alsterpark gelegen - Richtung Stadtmitte, also nach Süden.

„Koordinaten und Navigation sind wichtig, geben halt“ sagte er wohlwollend, sich selbst beruhigend.

 

Die Alster ist in Hamburg ein Fluss und See gleichzeitig. Hier inmitten der Stadt weitet sich der von Norden kommende Fluss und nach einigen Brücken sowie Schleusen wird er südlich ins Hamburger Hafenbecken entlassen. Eigentlich ist es nur ein Teich und so flach, daß eine durchkenternde Jolle mit dem Mast kopfüber im Grund stecken bleibt.

Es war ein Nachmittag im Januar, die Luft feucht-neblig. ob es nun schon leichter Nieselregen oder erst noch hohe Luftfeuchtigkeit war, ließ sich mal wieder nicht genau sagen. Die Alster war zu dieser Jahreszeit bootsleer, dünnes und gebrochenes Eis bedeckte alles.

Die feuchte Kälte kroch in die Knochen und mittlerer Wind ließ vor dem inneren Auge eine dampfende Teetasse erscheinen. Er zog den Reißverschluss seiner Daunenjacke bis zum Anschlag nach oben.

„Die elenden Jogger sind selbst bei diesem Wetter nicht tot zu kriegen und rennen sich die Lunge aus dem Hals“ grummelte er. Stapfend, schnaubend und dampfend, manchmal auch riechend, ging es nonstop an ihm vorbei. Manche wälzten sich qualvoll voran als hätte gleich ihr letztes Stündlein geschlagen, andere gamsartig, schnell, elastisch und flink. Die waghalsigen Fahrradfahrer führten dann teilweise zu Manövern, durch die er sich nur durch einen gekonnten Seitensprung vor einer Kollision mit Jogger oder Fahrradfahrer retten konnte.

 

Und doch war trotz Kälte, Nässe, Schweißgeruch, Pfützendreck und Ausweichmanövern alles weit weg. Da hinten. Dort  bei denen, die nicht weggesperrt sind. Hierher zu ihm drangen nur gedämpfte Ausläufer, wie das Horn eines entfernten Dampfers im Hafen.

 

Hier war: weggesperrt.

Und er war hier.

 

Er war zeitlos. Es war schon immer so. Welche mächtige Instanz hat ihn bloß auf diese Weise ins Spiel gesetzt? „Geh direkt ins Gefängnis, nicht über Los und ziehe auch nicht 4000 Mark ein“ war wohl sein Los.

Und während er dort im virtuellen Gefängnis hockt, sieht er sie vorüber ziehen, teils ganz dicht, er könnte sie berühren, sie könnten ihn berühren. Aber es verhallt, entfernt sich, wird dumpf und stumpf. Er richtet sich im Hier ein.

 

Ohne größere Blessuren erreichte er den Alsterdampfer-Anleger „Alte Rabenstraße“. An der Kette vor dem Holzsteg hängt „Kein Winterdienst“. Dahinter vergnügte sich im gläsernen, vereisten Windschutzhäuschen ein Liebespaar.

 

Dahinter…..

Da hinten.

 

(M.F. - 2014)

  

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