Beim Lesen träumen wir uns irgendwie immer in Trance

Texte - einfach so...  |  Böse, lustig, schräg

© Marc Fiddike


Start: nicht von mir...

Die Entscheidungen waren nur der Anfang von etwas. Wenn man einen Entschluss gefasst hatte, dann tauchte man damit in eine gewaltige Strömung, die einen mit sich riss, zu einem Ort, den man sich bei dem Entschluss niemals hätte träumen lassen.

 

(Der Alchimist) - Paulo Coelho

August 2020: sogar ein ganzes Buch: Corona-Krimi


Als der Tod sie holte

29.3.2020  (Passend zu den Corona-Plandemie-Zeiten - nicht von M.F. - Dank an einen Kommentator auf Youtube - Stefan H.)

 

Es gibt da eine wunderbare Geschichte:

Ein Student ist auf dem Weg in eine große Stadt. Vor dem Stadttor trifft er auf den Tod, der im Schatten der Stadtmauer sitzt. Der Student setzt sich daneben, grüßt und fragt:

„Guten Tag Gevatter, was hast Du vor?“

Der Tod antwortet: „Ich gehe gleich in die Stadt und hole mir 100 Leute!“

Der Student erschrickt, rennt in die Stadt und schreit: „Der Tod ist auf dem Weg in die Stadt, er will sich 100 Leute holen!“ Die Leute rennen in ihre Häuser, verbarrikadieren sich, aber vor dem Tod gibt es kein Entrinnen….. Nach vier Wochen verlässt der Student die Stadt und sieht beim Verlassen dieser abermals im Schatten der Stadtmauer den Tod sitzen.

Er rennt auf ihn zu und brüllt ihn an: „Du Lügner! 100 Leute wolltest Du holen, jetzt aber, nach vier Wochen, sind es weit über 500 Tote!“

Der Tod erhebt sich gemächlich, sieht den Studenten an und sagt ganz ruhig:

„ICH habe mir planmäßig die 100 geholt, die ich mir immer hole: Alte, Kranke, Schwache…. Die anderen hat die ANGST getötet, und die hast DU in die Stadt getragen!“

Als die Welt untergeht  - M.F.

Vom 11.3.2020

 

Ein Auszug aus meinem Buch "Corona Countdown", erschienen Juli 2020 - HIER mehr

 

Spätes 2020

 

Alles mit Corona wurde mittlerweile sofort zensiert und gelöscht. Deshalb sprach Maro jetzt immer liebvoll von Corinna.

Das rechte Regal bei Penny war leer, unten ganz hinten lag noch ein aufgerissenes Paket Nudeln herum.

Das linke war fast leer. Im nächsten Regal gab es zum Glück noch reichlich Pakete mit Alltagsmasken. Er schnappte sich zwei Hunderter-Pakete. Die saßen ganz gut, auch jetzt bekam er leidlich Luft durch dieses Modell.

Es gab keine Wagen mehr, seine alte Plastiktüte musste für heute noch einmal reichen. Auch diese Art Tüten waren schon lange abgeschafft.

 

Erschöpft schlurfte er durch die Gänge und pickte sich etwas von den Resten zusammen.

Viele Menschen waren krank, viele gestorben, überall auf der Welt. Das hatten Sie monatelang im Fernsehen und der Qualitätspresse zu sehen bekommen. Erstickende Menschen auf Intensivstationen, immer dieselben Bilder.

Mittlerweile waren die Liefer-Engpässe bei Mundschutzmasken, Küchenrollen, Klopapier, Kanistern mit Desinfektionsmitteln und Plastikhandschuhen ja überwunden. Trotzdem stand er manchmal vor leeren Regalen.

»Wie schlimm war das noch im Februar«, seufzte er. »Da waren wir echt unterversorgt!« Schön, dass Regierung und Wirtschaft es nun nach Monaten geschafft hatten, diese Produkte für alle ausreichend zur Verfügung zu stellen.

Erleichtert atmete er tief durch, soweit dies mit seiner Alltagsmaske möglich war. Wie gut, dass sie für uns sorgten!

Dass es mittlerweile auch hier in Hamburg Bananenrepublik geworden war, musste halt akzeptiert werden - wie sollten sie sonst den Kampf gegen das böse Corinna gewinnen? Ohne Opfer ging das halt nicht!

 

An der Kasse war es prima, denn das Bargeld war im Sommer 2020 abgeschafft worden. Sie hatten einfach ein Notstandsgesetz zur Verhinderung einer vernichtenden dritten Pandemie-Welle mit diesem Neu-Neu-artigen-CO2-Virus (oder so ähnlich hieß es doch gleich) durchgewunken. Dies war im Juli geschehen. Die Vorbereitung auf diesen Schritt hatten sie schon Jahre zuvor begonnen. Die Generalprobe für alles war das Event 201 im Oktober 2019 in New York. Und dann hatten die Regisseure der Inszenierung sich von Woche zu Woche gegenseitig überboten.

Aber zurück zur Kasse:

Keine ältere Dame (oder älterer Herr oder älteres Etwas) kramte mehr entzückt mit »ich hab's passend!« 10 Minuten nach Kleingeld. Stattdessen wurde alles kontaktlos von der Karte eingezogen. Man brauchte diese nicht einmal mehr zu zücken. So konnten die üblichen zwei Einkaufswagen pro Kopf rasch abgewickelt werden. »Einfach Klasse«, freute Maro sich.

 

Auf den Straßen war es schon länger wie leergefegt. Denn ohne die per Handy über die Corinna-App beim Einwohnermeldeamt beantragte und dann genehmigte Ausgangserlaubnis (zum dringenden wöchentlichen Hamsterkauf, zum Notfall-Arztbesuch oder Arbeitsplatz, wenn Heimarbeit nicht möglich war) durfte keiner mehr das Haus verlassen. Es war wirklich ein Segen! Maro fühlte sich nach dem monatelangen diffusen Rumgeeier der Regierung endlich richtig sicher. Weder Spahn noch Merkel hatten zuvor klare Ansagen gemacht. Das war jetzt geregelt.

 

Zum Glück gab es die WHO - die Weltgesundheitsorganisation. Die oberste Wächterin für das Wohlergehen der Menschen. Erst nicht besonders selbstbewusst, dann aber zunehmend nachlegend, wurde der Ernst der Lage kommuniziert. Das pandemische und katastrophale Ausmaß mit unzähligen Toten im Laufe der letzten Monate ließen Tedros Adhanom Ghebreyesus als Chef der WHO dann schließlich doch energisch den internationalen Notstand ausrufen. Maro verzieh der WHO, dass sie seit SARS 2003/ 2004, über Schweinegrippe 2009, Vogel-, Affen- und Clownsgrippe nur heiße Luft und künstliche Panik verbreitet hatte. Und sich alles im Nachhinein als null und nichtig relevant erwiesen hatte.

 

Jetzt aber war es wirklich schlimm, richtig schlimm! Es war zum Verzweifeln!

 

»Es war doch besser, vorsichtig zu sein«, murmelte Maro vor sich hin, während er mit seinen Einkäufen in der Plastiktüte die Straße entlang schlurfte. »Wenn das Kind erstmal in den Brunnen gefallen war, konnte man es nur schwer wieder herausholen.«

Die Ausgeherlaubnis verlangte, den kürzesten, schnellsten und umwegfreisten Rückweg einzuschlagen. Hunde sah man keine mehr. Für Gassigehen gab es keine Sondergenehmigungen. Die Vierbeiner vegetierten entweder bei Herrchen oder Frauchen zu Hause vor sich hin oder waren längst eingeschläfert worden. Vielleicht waren sie auch an einer Mensch-zu-Hund-Mutation von »Corinna« erkrankt und daran gestorben.

 

»Corinna« - seine Taufe gefiel ihm wirklich! Es war richtig, den Namen auszusprechen. Und immer besser, den Feind anzunehmen und anzuerkennen als gegen ihn zu kämpfen. Seine spirituellen Ausflüge, die er bisher so unternommen hatte, lehrten ihn unstreitig, dass man alles annehmen sollte. Das war gesünder und achtsam. Achtsamkeit war sowieso DAS Ding in dieser Zeit. Mindestens so wichtig wie VEGAN oder BIO.

 

Bald erreichte er das Mehrfamilienhaus, einen Altbau. Ziel: 3. Etage. »Nützt nix«, stöhnte er und kramte den Schlüssel aus der Tasche. Mütze und Schal behielt er an, denn auch im Treppenhaus war es kalt. Da niemand ihm entgegen kam, nahm er seine Maske verbotener Weise ab. Seit Herbstbeginn war es kalt im Haus. Der Senat der Hansestadt Hamburg (allen voran die Grünen) hatte verordnet, dass diesen Winter wegen der globalen Wirtschaftskrise durch Corinna nur noch bis zu 12 Grad Celsius Raumtemperatur erlaubt waren. Die Bereitstellung von Fernwärme, Öl oder Gas für die Heizungsanlagen wurden entsprechend gedrosselt. Die Lücke der Kerzen und Fondue-Brenner hatten sie allerdings vergessen und bis jetzt nicht geschlossen. Demzufolge waren diese durch Hamsterkäufe meistens ausverkauft.

Verkniffen musste er dabei wieder an diese ätzenden Winterspaziergänge mit seiner Mutter und ihrem Partner denken, auf die er als Kind gezerrt wurde. Regelmäßig froren ihm nach einer halben Stunde alle Füße ein.

Oben angekommen, riss endlich der eine Henkel der Plastiktüte ab. Er hatte den Backofen vorhin auf 100 Grad eingeschaltet und offen gelassen. So waren es jetzt immerhin ungefähr 15 Grad. 3 Grad über dem Erlaubten. Ein kleines schlechtes Gewissen regte sich dennoch. »Naja, wollen wir das mal nicht so eng sehen«, versuchte er, sich zu beruhigen.

Nachdem die wenigen Sachen verstaut waren, schaute er aus dem Fenster. Die Tankstelle dort hinten war seit 3 Monaten nicht mehr in Betrieb, auch heute hatten wieder ein paar Leute auf dem Platz ein Lagerfeuer gemacht, um sich die Zeit zu vertreiben oder zu wärmen. Es gab kaum noch Autos. Die Gesetzte zur leichteren Umsetzung von Kurzeitarbeit, Kündigungen und Subventionen der Sozialabgaben für Arbeitgeber hatten in Hamburg mittlerweile zu einer Arbeitslosenquote von 40% geführt. Irgendwas mussten die Leute doch tun. Ab und zu kamen Polizisten vorbei und schickten sie nach Hause. Mal mit, mal ohne Bußgeld.

Die Grünen hatten sich aber dafür eingesetzt, dass die Fahrradpreise auf 1500 Euro begrenzt wurden, diese lagen wegen der Nachfrage zuletzt bei 2000 Euro. Darunter war nicht mal mehr ein 08-15-Rad zu bekommen, das in 2019 noch 300 Euro gekostet hatte. Die Scooter (E-Roller) waren zum Glück auch auf 3000 Euro gedeckelt und E-Autos auf 70.000 Euro für die Basisversion. Ein Glück. Wo wären wir sonst gelandet? Das hätte doch keiner der Arbeitslosen jemals bezahlen können.

Wegen der Ausgangssperren, Arbeitslosigkeit und allgemein zunehmenden Depression wurde der ÖPNV (öffentlicher Personen-Nahverkehr) stark reduziert. Außerdem war der Fernverkehr mit Bahn, Fernbus oder Flugzeug zur unerreichbaren und deshalb auch unwichtigen Option degeneriert. Der lange sich nach Südwest erstreckende Startbahnbereich 23 in Fuhlsbüttel-Airport war vor Monaten deaktiviert und gesperrt worden. Es wuchs Gras in den Ritzen und man sah auf der noch aktiven Bahn höchstens 5 Flieger pro Tag.

Die Taxis waren abgeschafft worden und es gab den Nachfolger des Elektro-Sammeltaxis MOIA: VW-Caddy-Diesel. Aus ökonomischen Gründen hatte man den Anti-Diesel-Hype begraben und - erstaunlich realistisch - begriffen, dass die Diesel-Technologie sehr fortschrittlich war.

 

Maro verkroch sich unter drei Wolldecken auf dem Sofa und schaltete im Fernseher Kanal-1 ein. Es flimmerten Berichte über die gefährliche aber nun allmählich gut eingegrenzte Pandemie über den Schirm. Die weltweiten Lockdowns aller Städte über 7.000 Einwohner hatten ihre Früchte getragen. Die überhitzte Weltwirtschaft war nun endlich auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die Börsen hatten Einbrüche um 80% verzeichnet und dümpelten nun auf diesem Nivea, äh Niveau, vor sich hin. Auch kam man mit den allgemeinen Zwangsimpfungen gut voran.

Weltweit saßen selbst die Fridays-4-Future-Aktivisten, Gretas, Extiction-Rebellionisten oder auch BLMs mittlerweile satt und zufrieden auf ihren Sofas und meldeten sich ab und zu von dort medial zu Wort. »Wie gut, dass wir durch Corinna nun zu vernünftigen Lösungen und umweltbewusstem Verhalten gekommen sind. Die weißen Männer dürfen jetzt in Ruhe über ihre Hautfarbe nachdenken.«

 

Die Multi-Fernbedienung war überflüssig geworden, denn außer Kanal-1 gab es keinen weiteren mehr. Im Sinne der Einsparung von Steuergeldern und »Fokussierung« der Nachrichten-Portale hatte man das so gemacht.

»Ist wirklich praktisch!«, sagte Maro und seufzte. Auch gab es im Internet nur noch Fa-Go-Tubo-Pedia: einen primitiven Selbstinszenierungskanal mit der Möglichkeit, Posts zu hinterlassen, Likes zu geben oder es auch zu lassen. An jeder Stelle des Internets gab es informative Einspielungen von Truth-Pedia - ehemals Wikipedia. Diese Inhalte schrieben nur noch »Fachleute«, Agenturen wie Correctiv, Trolls und sonstige von der Regierung bezahlte Wahrheitshüter. »Wie gut«, dachte er.

Für seichte Verblödungsunterhaltung mit gut platzierter Propaganda war demnach gesorgt.

»Ich weiß auch gar nicht, was die Leute immer gegen Propaganda haben! Ist doch nicht so schlimm!«, brummte Maro vor sich hin. Gut, wenn der Staat aufpasste. So waren wir doch vor all dem Müll und den ewigen Falschinformationen geschützt. Überall Fake-News! Was die Leute sich doch alles für Schrott ausdachten, all diese Verschwörungstheorien und so weiter. Diese Idioten und Aluhüte, die meinten, 9-11, die Mondlandung, Corinna und vieles mehr seien reine Fakes. Dass sie von Eliten, Konzernen, NGOs, hohen Polit-Gruppen, Rothschilds, Rockefellers, Reichen, Bilderbergern, Club of Romians oder Freimaurern inszeniert worden waren. Alles Quatsch!

 

Maro vermisste Ella. Es war aber ohne Auto fast nicht möglich, nach Berlin oder Hamburg zu kommen. So blieb ihnen seit längerem nur das Telefonieren.

Maro fiel plötzlich trotz der Kälte siedend heiß ein, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte. Seine Ausgangserlaubnis war noch eine Stunde gültig. Er brauchte unbedingt eine neue Packung seines antiviralen Medikaments gegen Corinna-V3. Man hatte angeordnet, dass diese Pillen ab Sommer 2020 für mindestens 6 Monate 2x täglich genommen werden sollten. Mit einer vermutlich folgenden Verlängerung um weitere 6 Monate. Und dies trotz Zwangsimpfung, die er vor 2 Wochen recht dankbar empfangen hatte. Und da Arztbesuche heutzutage nahezu unmöglich waren, bekam man das Zeug rezeptfrei in den Apotheken. Auch das war sehr praktisch.

 

Maro ging also - immer noch in Mütze, Schal und wieder Alltagsmaske verpackt - zurück auf die Straße. Dieses Zeug machte schlapp und schläfrig, aber was sollte er machen. Weltgesundheit ging vor. Herdenschutz, Solidarität und so weiter. Und er selbst wollte ja auch noch etwas länger leben. Zwar war das Leben in den meisten Ländern mittlerweile nicht mehr lebenswert, aber es deshalb gleich beenden? Nein!

Die Apotheke lag auf der anderen Seite der vierspurigen Straße. Zu faul, erst zur Ampel zu gehen, lief Maro meist am Ende seiner Wohnstraße einfach in einer Verkehrslücke über diese große Straße. Links hörte er die Autos, sie waren noch weiter weg, also lief er los. Zu seiner Rechten stand ein Busch auf dem schmalen Grünstreifen, er schaute noch einmal links und genau jetzt winkte ihm auf der anderen Seite jemand zu, den er kannte. Es war kein Fahrzeug zu hören. Er winkte zurück und lief rasch auf diesen Menschen zu.

 

Ein Riesenknall, zu spät quietschende Reifen und Maro war zunächst fast und kurz darauf definitiv tot. Das viertürige Elektroauto war zwar zu leise zum Hören aber immerhin schnell genug für sein Ende gewesen.

Für solche Soforttoten rückte kein Notarzt- oder Rettungswagen mehr aus. Die Desinfektion war zu teuer.

Und Leichenwagen brauchten laut Corinna-Verordnung nicht desinfiziert zu werden.

 

 

Mit oder ohne Corinna - wir sterben sowieso!

 

Glaubt nicht alles, was man euch vorflimmert und in

diesem Chaos verkaufen will!

 

Orwells 1984 hat gerade erst begonnen!

27.3.2019

 

Noch ein Auszug aus meinem Buch "Corona Countdown", erschienen Juli 2020 - HIER mehr

 

Blutbahn  (was ist schon real?....)

 

Angespannt schaute Maro durch die Scheiben des ICE - 1.-Klasse-Panoramaabteils auf den Bahnsteig. Er war auf dem Weg nach Berlin zu Ella.
Wie an jedem Halt hoffte er, dass sich die neuen Fahrgäste hinten in den Großraumteil setzten und ihn in Ruhe ließen. Schon gar nicht etwa als Paar aufliefen und die himmlische Stille dieses ausgewiesenen Ruhebereichs störten. Dann müsste er schon wieder aktiv werden und mehr oder weniger freundlich auf das große Schild ‚Pssst!‘ verweisen.
Es käme zu Unmut und mehr oder weniger hitzigen Diskussionen, die im schlimmsten Fall mit dem Anruf des Schaffners als Schiedsrichter enden würden.


Maro gähnte, 1 Stunde seit Hamburg lagen hinter ihm, noch etwa 30 Minuten bis Berlin. Wenn nicht Störung, Personenschaden oder andere gewöhnliche Dinge dazwischen kämen.
Er waberte in diesem Zwischenzustand, in dem man nicht weiß, was oder ob man etwas will, vor sich hin. Lesen oder nicht, dösen oder nicht, ins Dunkle starren oder nicht.


Die Tür des Panoramakabuffs öffnete sich und ein schlaksiger, um die 60-jähriger Mann schob mit Goretex-Laptoptasche und LKW-Planen-Umhängetasche herein. Etwas nervös und fahrig und gleichzeitig steif bugsierte er sich sprungartig auf den Fensterplatz der linken Abteilseite - auf Maros Höhe.
Von seinem rechts gelegenen Einzel-Fensterplatz schielte er verstohlen auf diese merkwürdige Erscheinung. Die Planen-Tasche legte er korrekt und im rechten Winkel auf die Ablage vor sich zum Zugführerabteil. Er rückte sie noch mehrmals hin und her und zurecht. Als er den Mantel auszog, erinnerte er an Mr. Bean. Der dunkle Tweet wurde ordentlich gefaltet und zum Vorschein kam ein grauer Anzug, der recht locker saß.


Stopp, das war zu schnell. Das mit dem Mantel war noch nicht dran. Er saß da und man sah, wie ein ganz aufgefaltetes Papiertaschentuch seinen rechten Handrücken bedeckte. Er zupfte daran, hob es hoch, um nachzuschauen. Maro sah die Blutflecken.


Als er den Papierlappen nervös abhob, sprudelte es aus 3 Stellen, Maro konnte nicht erkennen, ob es gleich auf den Boden tropfte oder erst einmal die Klamotten dran waren.
Nervös zupfte der Mann mit dem auf halb acht hängenden blutigen Stück Papier an der LKW-Tasche und dann an der anderen auf dem Boden. Zog den Reißverschluss auf, als suche er etwas, gleich wieder zu. Irgendwoher kramte er ein Paket Taschentücher und faltete eines auf, legte es wiederum einlagig über die ganze Hand. Es wurde rasch rot. Dann nahm er es, schnäuzte sich die Nase und legte es wieder auf die mit mittlerweile angetrocknetem und frischem Blut verklebte Hand und tupfte planlos darauf rum.


Maro war ja Arzt. Es ekelte ihn, was er da drüben sah. Müsste er jetzt helfen?
"Nein, du wirst dich nicht zu erkennen geben, du bleibst inkognito."


Dieser komische Vogel, da stimmt doch etwas nicht.
Vielleicht ist er Bluter oder herzkrank, nimmt seine Blutverdünner-Tabletten zu häufig. Oder er hat eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Dieses Fahrige und Zurechtrücken einer Tasche angesichts des Verblutens… Er versuchte bei all dem, so normal wie möglich zu wirken. Das gelang ihm bei Maro natürlich nicht. Er durchschaute ihn!
Du bist gestört, hast eine Meise, nicht mehr alle Tassen im Schrank! Aber ich mache nix, ich habe frei!
Offenbar suchte Maros Anspannung der letzten Tage sich ein Ventil.
Er ertappte sich dabei, dass er es spannend fände, wenn das Blut einfach in Bahnen in der Bahn so rausliefe, der arme Mensch allmählich zusammensackte und dann einfach tot da läge. Irgendwie spannend.
So alltäglich, normal, wahnsinnig wie das stinknormale Leben. Vielleicht waren diese Phantasien eine Kompensation seines Ekels, den er im Moment nicht mehr so stark spürte. Es machte sich eher eine Art Sadismus in ihm breit.
Mit dem locker am Handrücken klebenden Papiertüchlein stand der Mann auf und zog sich eckig-ungeschickt den Mantel aus, faltete ihn ordentlich und legte ihn oben rauf.
Das schüttere, graue Haar tanzte ebenso ungeschickt auf seinem Kopf. Wie ein zerstreuter Professor setzte er sich hin und kramte von irgendwo eine offenbar schon häufiger gebrauchte Plastiktüte heraus. Daraus holte er eine weiße Papiertüte, aus dieser zog er ein halbes doppelseitig belegtes Brot und biss einmal rasch hinein.
Andere Leute halten ihr Brot in der Hand, schauen aus dem Fenster und beißen dann irgendwann wieder ab. Nicht so er allerdings.
Dieser Herr steckte es zurück in die Tüte, faltete sie und legte das Paket fein und korrekt neben die LKW-Tasche. Auch dies wurde nochmals korrigiert.
Nervös zupfte er wieder am blutigen Tempo. Offenbar war es ruhiger um die Blutung geworden.
Die Tür öffnete sich mit einem „die Fahrkarten bitte.“ Die Schaffnerin blieb cool und fragte ihn, ob er einen Verband brauche. „Nein danke, ich bin auf der Rolltreppe gestürzt. Aber vielleicht haben Sie ja 2 kleine Pflaster.“
Sie fragte noch 3x nach, er blieb dabei. Ha, du hast bestimmt etwas zu verbergen. Du bist bestimmt ein ganz Schlimmer, phantasierte Maro sadistisch.


Die Szenerie faszinierte und ekelte ihn zugleich. Dieser Mensch übte eine Kraft auf Maro aus, die seine eigenen Abgründe zum Vorschein brachten. Wie wäre es, wenn er mit einem Messer etwas auf seiner Hand bohrte? Wenn der Mann Bluter war, hätte er schlechte Karten. Diese Hilflosigkeit, mit der er die Taschen öffnete, etwas raus kramte und wieder wegpackte. Oder sie einfach nur wieder schloss, wie er sein Brot pro Bissen ein- und auspackte. Ein wundes Wild, das zuckte. Es reizte einen, ihm den letzten Stoß zu geben. Und nun kam kurz echtes Mitgefühl bei Maro auf.


Die Schaffnerin brachte die erste Hilfe in Form von Pflaster. Er klebte je eines auf die 2 Fontänen-Stellen. Für das Dritte präparierte er jetzt erstaunlich geschickt aus einem Papiertüchlein ein kleines Stück heraus, rollte es, und benutzte es wie eine Art Mini-Druckverband. Sehr clever, das hätte er ihm nicht zugetraut, dachte Maro bei sich.
Die Taschen wurden geöffnet und wieder geschlossen und gerückt. Das Brot neigte sich dem Ende zu und sorgsam und penetrant wurden mehrfach alle letzten Krümel aus der Papiertüte gesammelt und in den Mund geschüttelt. So, wie manche Männer es beim Pinkeln oder an der Tanksäule machen.
Nun wurden die lokalen Zeitungen ausgepackt und die wohl Möbelhaus- oder Supermarktwerbung säuberlich aufgefaltet und studiert. Mit eckig-nervösen Blicken und Handbewegungen hielt er die Literatur Richtung Brille.
Eigentlich wollte Maro sein Buch zur Hypnose weiterlesen, aber dieses Schauspiel neben sich bannte ihn. Die Faszination, die von diesem merkwürdigen Geschöpf ausging, machte ihm alles andere unmöglich.
Alles wurde nach und nach säuberlich gefaltet und wieder weggepackt.
Die eckig-zuckenden Bewegungen beruhigten sich etwas.


Berlin Hauptbahnhof nahte. Der Mann stand auf und zog seinen Mantel an. Dann kniete er sich auf den Boden, die wirren Haare zeigten in die Luft als er unter den Sitz kroch und nachschaute, ob da noch, ja, was… Brot?... Blut?... Krümel?... Oder was waren?
Nix war da. Er verließ das Panoramaabteil.
Was war er? Leiter einer Bankfiliale? Ein Psychiatrie-Patient? Ein Mensch mit einer Zwangsstörung? Ein Forscher an der UNI? Ein Lehrer im Burnout kurz vor der Pensionierung? Maro würde es nie erfahren.
Er tauchte wieder aus seiner diabolischen Trance auf und musste erst zu sich kommen. Gleich würde er Ella sehen, vielleicht morgen Tristan.


Und er selbst? Wohin nun mit seinem Sadismus, seiner Ablehnung, seiner untergründigen Misanthropie, seiner zeitweiligen Abneigung zu helfen?
Nun hatte er keinen Sündenbock mehr für seinen Projektionsmüll! Schade.
Maro wendete sich also widerwillig seiner eigenen Leere und Unsicherheit zu und versuchte, gut zu sich zu sein. Er stieg aus. Maro merkte nun, dass der Mann ihm leidtat und wie hart er gewesen war. Echt müde freute er sich auf Ella.


Aber, jeder hat das Recht, auf seine Art und Weise mit der eigenen Neurose umzugehen. Er machte das halt unter anderem genau so. Besser, als jemanden gleich umzubringen.
Corona, Corinna, Mikrobe... Er - wie auch viele andere –  litten unter den Zuständen und hatten Druck. Und der hatte sich gerade Luft bei ihm gemacht.


Das Virus! Sie mussten sich beeilen.
Er war in Trance gewesen und seine Dämonen hatten auf dem Tisch getanzt.
Maro dankte seinem Unbewussten und stieg aus.

Mustafas Erwachen                 (Eine Geschichte zu einem wunderschönen Marokko-Reisekalender eines Freundes - 2.1.19)

 

Er schaute aufs Meer, während sie unterging.
 

Wüsste man nicht, wo das Kalenderblatt entstanden war, so würde man eher einen Sonnenaufgang vermuten. Für Marokko müsste man dann aber die Erde auf den Kopf stellen. So schnell geht das nicht, das dauert, wie wir ja wissen.

 

Über dem Horizont ein lichter, blendender Streifen, gleißend wie ein Atompilz, breit, darüber eine schwere, von unten beleuchtete Wolkendecke mit ihren gelbgrauen Kissen. Immer wieder erstaunlich, dass diese dort oben hängen bleiben.

 

Mustafa sinnierte gedankenverloren, starrte in das Licht und vergaß alles um sich herum. Die Zeit blieb stehen, soweit es sie überhaupt gab. Er nahm nur noch Licht wahr und fühlte eine Leichtigkeit und Helle in sich. Er saß dort am steinigen Strand auf einem größeren Stein. Die raue und sogleich so liebliche Natur umhüllte ihn, er war eins mit ihr. Eine tiefe Ruhe und Geborgenheit machten sich immer mehr in ihm breit, er war zutiefst dankbar.

 

Er wusste nicht, wie lange er hier gewesen war. Abrupt tauchte er wieder auf, draußen war es inzwischen dunkel. Aufgelockerte Bewölkung ließ ein paar Sterne durch, Mondlicht war nicht da. Die Brandung schlug ans Ufer und in dem Schwarz gab es keine Reflexionen.

 

Plötzlich kroch ihm wieder ins Bewusstsein, weshalb er hier an die Küste gekommen war, ihn fröstelte etwas. Es war ernüchternd. Dieser himmlische Zustand von vorhin – er konnte sich nur noch schemenhaft daran erinnern – war phantastisch gewesen und er würde sich nichts mehr wünschen, als diese Art der Ekstase jederzeit wieder erleben zu können. Dennoch war dieser Kontrast zu seinem realen Leben äußerst groß. Wie könnte es ihm gelingen, immer wieder dorthin gehen zu können?

 

Er war nicht wirklich müde, wusste aber, dass morgen ein anstrengender Tag werden würde. Der Bus hatte ihn heute von Marrakesch nach Essoquira gebracht, 3 Km südlich davon hatte er seinen Onkel aufgesucht, der dort in einer schwer zu erreichenden und tourismusfreien Bucht ein Haus hatte. Er hatte dort in einer kleinen Kammer sein Lager aufschlagen können.

 

Also stapfte er über die Steine zurück, kaum seine Füße erkennend. Die Busfahrt ist teuer und er war 3 Jahre nicht mehr hier gewesen. Noch wusste er nicht, wie er seine Rückfahrt bezahlen könnte. Sein Onkel hatte ein kleines Fischerboot und fuhr also nachts raus. Die Fischfähre, wie er das Transportboot für die Fische nannte, kam gegen 8 Uhr morgens, um die Fänge einzusammeln, besser einzukassieren. Denn viel Geld gab es nicht. Pro Kilo Fisch gab es 30 Dirham. Ein Laib Brot kostet 10 Dirham und Zahnpasta 20. Wie viele hier, so kam auch sein Onkel gerade so über die Runden. Wenn der Fischdampfer Richtung Essoquira mit 45 Knoten schließlich davon röhrte, war es Zeit zum Schlafengehen. Das Überleben war für 3 Tage wieder gesichert.

 

Mustafa näherte sich dem schlichten Haus am Rande der kleinen Bucht. Sein Onkel war mit seinem kleinen Fischerboot bereits rausgefahren. Der alte Wecker in der kleinen Küche zeigte 4 Uhr morgens. So lange war Mustafa also versunken. Er nahm sich noch ein Stück Brot, trank etwa Wasser und legte sich schlafen. Unruhig schwirrten nun wieder Gedanken umher an seine Familie, die Armut, die Sorgen um die Zukunft und die Gesundheit. Und an Samira.

 

Samira war sein geliebtes Kamel und seine Existenz. Samira war seit einiger Zeit krank und keiner hatte ihr bisher helfen können. In Merzouga, in den ersten Ausläufern der Sahara gelegen, lag sie seit Wochen unter dem Palmendach des Stalls. Alle Beduinen, Freunde und sonstigen Fachleute wussten nicht mehr weiter. Sie aß kaum, mit Mühe trank sie etwas.

 

Mustafa hatte den weiten Weg von Merzouga im Osten Marokkos über Ainif, Tinghir, El Kelaa, Quarzazate und Marrakesch hierher zu seinem Onkel gemacht. Gestern Mittag war er angekommen nach 3 Tagen Reise über 800 km. Weitgehend per Anhalter. Das letzte Stück hatte er sich den Bus gegönnt mit seinem restlichen Geld.

 

Sein Onkel war seine Hoffnung. Sein Onkel Nael war ein einfacher aber besonderer Mensch. Schon früh ist er seiner eigenen Wege gegangen. Er lebte sehr natürlich und trotz der modernen Abhängigkeit von der Fischereimafia ließ er sich nicht von seinen Prinzipien abbringen. Und er verfügte über eine ganz besondere Gabe. Er war sozusagen ein Kamelflüsterer. Hier an der Küste gab es viel weniger Kamele als in Richtung Landesinnere, erst Recht Richtung Wüste. Nael wollte das mit den Kamelen nie so hoch hängen, sonst hätte er ja woanders hinziehen und mit seinen Heilkräften reich werden können. Also beschränkte er sich darauf, gelegentlich mal notleidenden Beduinen mit ihrem kranken Vieh zu helfen.

 

Mustafa wusste, dass es nur in Ausnahmen nötig sei, das Tier persönlich zu sehen. Besser als Skype sei es, eine frische Probe Haar des kranken Tieres zu bringen. Und die Anwesenheit eines dem Tier sehr nahen Menschen helfe außerdem dabei. Das war der Grund – neben Respekt, Dankbarkeit und Überreichung eines Geschenks an den Onkel Nael –, weshalb Mustafa sich auf die weite Reise gemacht hatte.

 

Der Umschlag mit den Haaren Samiras lag auf der Holzkommode und allmählich und mit froher Zuversicht auf den morgigen Tag, schlief Mustafa endlich ein.

 
Mustafa träumte. Er sah sich, wie er mit der inzwischen wieder genesenen Samira an den Zügeln durch die Wüste zog, den Kopf eingehüllt in Tuch und somit vor Hitze und kräftigem sandigen Wind geschützt. Sein blaues Hemd und sein oranges Tuch um den Kopf fügten sich malerisch in die rotbraune Wüstenfarbe ein. Auf den Fotos der Touristen wurde oft eben diese Verschmelzung von Mensch, Tier und Natur bewundert, durch das Einhüllen erkannte man oft nicht, wohin es geht, wohin der Führer des Tieres eigentlich schaut. Gerade die zu Hause gebliebenen staunten über die magische Kraft des undefinierten Moments dieser Bilder. Es wirkte auf manchen Fotos wie eine Tüte über dem Kopf, ein zielloses Ziehen durch die Welt.

 

Mustafa erwachte durch Geräusche aus der Küche. Sein Onkel Nael ist heute etwas eher von See zurückgekommen und hatte seinen Kollegen Albi beauftragt, seinen Fang später der Mafia auf Ihrenm Schutzgelddampfer zu übergeben. So hatte er heute früher schlafen können und Zeit für Mustafas Anliegen.

 

„Guten Morgen Mustafa“ begrüßte Nael ihn freundlich, ihm einem Kaffee im Metallbecher reichend.

 „Ich habe Pfannkuchen bereitet und einige Datteln zum Frühstück“.

 Mustafa rieb sich die Augen, nahm dankend den Kaffee und setzte sich auf.

 „Nael, ich freue mich so, dass ich hier sein darf und hoffentlich mit deiner Hilfe alles wieder gut wird. Ich liebe Samira und ich brauche sie, um wieder mit ihr arbeiten zu können und unsere Familie zu ernähren. Mutter und Schwester machen sich solche Sorgen.“

 

„Bisher hat es meistens geklappt, Mustafa. Ich freue mich, dich mal wieder zu sehen. Ich war lange nicht mehr bei euch in Merzouga und weiß schon gar nicht mehr, wie meine Schwester Baryia aussieht“ scherzte er. Natürlich skypten sie ab und zu, auch wenn die Leistungsfähigkeit seines nun 5 Jahre alten Mobiltelefons und des marokkanischen WLANs – besonders in dieser Kombination – zu wünschen übrigließen.

 

Armut macht erfinderisch und so hatte Mustafas Vater sich auf den Kokainhandel nach Europa eingelassen. Touristen auf Kamelen durch die Wüste zu führen wurde immer schwieriger, die Konkurrenz wuchs und die Angst vor Terror, Taliban, Entführungen und Co. führten zu Rückgängen der Wüstenschaulustigen. Hauptsächlich allerdings die Zahl der organisierten Urlaubsverbrecher – äh Touristen. Backpacker oder Camper-Touristen blieben auf demselben Niveau. Sie sind offenbar nicht so leicht abzuschrecken.

 

Das mit dem Koks ging nicht lange gut. Trotz Verbindungen in die Riege der Polizei und selbstverständlich Schmiergeldern konnte es nicht verhindert werden, dass Ali – Mustafas Vater – in den Knast gewandert ist. Dort sitzt er jetzt seit 1 Jahr. Mutter hält die treue, besucht ihn mindestens 1x pro Woche. 1 Jahr hat er noch nach. Leicht ist es nicht.

 

Seine Mutter ist etwas verbittert, denn dieses Drogen-Jahr über hatten Sie reichlich Geld. Sie mussten sogar aufpassen, dass das Umfeld nicht misstrauisch wurde. Sie gönnten sich häufiger mal Ausflüge. Auch in die Source Bleu, die Badeoase von Meski – 40 km entfernt. Das war dann schon ein ganzer Tag, über die Landstraße dahin. Die erfrischende Belohnung war es wert. Man genoss den Tag dort, auch mit dem guten Essen im Anschluss.
Auch Mustafa musste seine Kamelrunden seltener machen, hatte mehr Zeit für Muße und Nichtstun oder Abhängen mit Freunden. Samira fühlte sich auch wohl, weil sie nicht so arg „ran“ musste.

 

Seit einem Jahr war dann alles andere. Armut kroch zurück. Samira und Mustafa musste ran, Mutter sammelte Holz und verkaufte es auf dem Markt, seine Schwester versuchte sich mit dem Nähen. Aber es reichte immer nur knapp. Und nun wurde auch Samira noch krank, was sie alle an den Rand brachte. Mustafa entschloss sich, seinen Onkel zu bitten, obwohl er selbst skeptisch war. Zwar war er Muslim und betete auch seine Rituale so, wie er es gelernt hatte. Aber – ich als Erzähler weiß es ja – wirklich glauben tat er nicht und was das war, wusste er auch nicht wirklich.

 

 In der Not frisst der Teufel halt Fliegen.

 

 „Onkel, wie funktioniert das eigentlich gleich?“ fragte er und gleichzeitig blitzte sein gestriges abendliches Erlebnis am Strand auf.

 „Ich werde ein kleines Feuer in der Feuerstelle im Hof machen, dann später Weihrauch und Salbei in die Glut legen. Ein paar Haare von Samira kommen dazu, die anderen lege ich vor mir hin. Dann werde ich mich versenken, zu Gott sprechen und um die Heilung von Samira bitten. Das wars dann.“

 

Mustafa schwieg. Einerseits skeptisch, andererseits inständig hoffend, dass es funktioniert.

 

Onkel Nael tat Holzstücke in den Metallring, der sie wie in einer größeren runden Kuchenform zusammenhielt. Zündete sie mit etwas Reisig an. Nach einer Weile kam mehr Glut, das Feuer wurde kleiner.

Sie saßen sich gegenüber, die Feuerstelle zwischen sich. Es war still. Als die letzte Flamme erloschen war, tat Onkel Nael Stückchen Weihrauch und Salbeiblätter auf die Glut und ein paar Haare seiner geliebten Samira.

 

„Setz dich aufrecht hin, offene Hände und schließ die Augen“ befahl sein Onkel. „Öffne dich dem großen Ganzen, verbinde dich mit Samira aus deinem Herzen heraus und wünsche ihr alles Gute und Heilung.“

 

Dann war Stille.

 

Mustafa sah Samira, seinen Heimatort, spürte seine Verbundenheit und auch mit seinem Onkel. Er spürte dasselbe Licht wie gestern Abend, die Zeit hörte wieder auf. Ihm wurde warm, es kribbelte in ihm und er spürte Energieströme zwischen sich und Samira, genauso wie auch zu seinem Onkel und zu seiner Familie. Alles schien eins zu werden. Es war auch wie ein Ziehen… Als würde etwas aus Samira fließen und er spürte es körperlich. Es war unangenehm aber er wusste, das war vorübergehend und seine Gewissheit wuchs, dass alles gut werden würde.

 Es war nun ganz friedlich in Ihm, die Aufruhr hatte sich gelegt.

 

„Nun ist es gut“ sagte Nael und seufzte tief. „Im Namen von Gott und allen guten Kräften des Universums möge Samira nun gesund sein und immer bleiben und ihrem Job weiter fröhlich nachgehen!“

Nael machte eine angedeutete Verneigung und legte die restlichen Haare in die Glut.

Mustafa öffnete nun die Augen und war erstaunt, wie viel Zeit vergangen war. Er fühlte sich frisch und er und Nael lächelten sich an.

 

Mustafa bedankte sich bei seinem Onkel, umarmte ihn. Er überreichte ihm die mitgebrachten Kostbarkeiten, Spezialitäten zum Essen aus seiner Region, liebevoll verpackt.

Er versprach, seinem Onkel nächsten Morgen noch zu helfen, den Fisch für die örtlichen Kunden nach Wunsch auszunehmen. Dazu gab es diesen großen Stein. Sein Onkel zeigte ihm, wie das geht.

 „Mustafa, du hast das heute gut gelernt, komm doch ab und zu wieder und hilf mir“ sagte er schmunzelnd abends, während er ihnen Fisch zubereitete.

 

Am nächsten Tag verließ Mustafa ihn morgens, dankte ihm mit einer respektvollen Geste, winkte noch einmal. Zur Busstation gelangte er per Anhalter, dann bis Marrakesch über 4 Stunden per Bus, von wo er sich dann wieder 2 Tage per Anhalter bis nach Hause durchschlug.

 

Durch marokkanische Landschaften, vorbei irgendwo durch das Nirgendwo, Seen wie in Mondlandschaften, Schluchten und auch mal Betonbrücken.

Als er sich dem Haus näherte, Umschlag seine Mutter ihn voller Dank und zeigte auf Samira, die vor 2 Tagen bereits angefangen hatte, sehr viel munterer zu werden und seit gestern wieder aß. Sie waren alle überglücklich.

Nach weiteren 10 Tagen war Samira so weit wiederhergestellt, dass sie unruhig wurde und man ihr anmerkte, dass sie wieder arbeiten wollte.

 

So kam es denn auch und gleichzeitig lief das Geschäft besser, die Preise konnten erhöht werden.

Mustafa wusste nun, was Beten und Glauben war. Beides war real und kein totes Ritual. Dankbar versenkte er sich ab nun jeden Abend mit guten Wünschen für sich selbst, seine Lieben und die ganze Welt.

 

Zu aller Freude wurde sein Vater früher als erwartet entlassen.

 

M.F.

An Mozzarella       |      gepostet 17.7.18

 

Es war gar nicht so kalt.

Sie schlenderten am trüben späteren Montagabend die regennasse Straße entlang.

„Da hinten rechts um die Ecke gibt’s einen Italiener. Da wollte ich immer schon mal hin“ sagte sie.

Sie fanden das Eckrestaurant, in dem sich wohl Menschen befanden. Es brannte Licht.

 

Der vordere Raum war mit einigen 4er- und ein paar 2er-Tischen befüllt. Die eifrige Italienische Mama mittleren Alters beeilte sich nun beflissen, Ihnen zwei Tische zur Wahl anzubieten. Wobei es eigentlich keine Wahl gab! Offenbar erwartete sie noch ein oder zwei Fußballmannschaften.

Der eine der beiden Katzentische wirkte links zwischen die anderen gequetscht, der zur Rechten stand direkt am Durchgang zur zweiten Raumhälfte, wo offenbar die Familie oder noch mehr von ihr sich fest mit Jacken und Plastikflaschen an und auf den Tischen eingerichtet hatte.

 

Ganz Kavalier ließ er die Dame auf der Bank am Fenster (nicht auf der Fensterbank) Platz nehmen. Er setzte sich auf den Stuhl direkt im Durchgang zum hinteren Zimmer. Eifrig wurde die Tageskarten-Tafel an den Tisch gestellt und die in Lederimitat gebundene Handversion gereicht. Erster Eindruck: das Teelicht wurde nicht entzündet. Durchgefallen!

 

Offenbar war nur vorne geheizt. Durch die Luftzirkulation vom vorderen wärmeren Raum in den hinteren war da ein leichter angenehmer Luftstrom, in dem er saß.

Er mochte Luft.

Luft war gut.

Immer.

Auch, wenn er oft nicht raus ging.

Es gab ja Fenster.

 

Irgendwas an dieser Luft hier war aber nicht gut. Ganz, ganz langsam kroch die Ahnung ihm die Nase hoch bis zum Riechnerv. Es formte sich langsam ein Bild, aus einem wabernden Etwas, wolkig, unbestimmt, kam es näher, rotierte wie ein Highspeed-Kreisel, wurde langsamer und blieb mit einem Knall abrupt stehen: Das war es. KLOSTEIN!

 

Dieses giftgrüne Etwas, das die Herren der Schöpfung in der Steh-Schüssel hinter sich zurücklassen, wenn sie – ohne sich die Hände zu waschen zumeist – den Saal der Erleichterung verlassen, den Hosenbund noch zurechtrückend und somit ohne die Türen zu schließen. Man stelle sich das nun vor: die Warm-Kalt-Fronten und Zirkulationen im Gastraum vermengen sich mit den grünen Dämpfen der durch den heißen Urin schmelzenden Klosteine da hinten.

 

Klostein! Nein, eigentlich Pinkelstein. Vor Wikipedia dachte er noch, es hieße Urinstein. Aber Urinstein ist noch schlimmer. Das sind nämlich die gelblich-braunen kristallinen Ablagerungen in Pissoirs oder Kloschüsseln, die durch Ausfällungen des Urins in fester oder pastöser Form erfolgen.

Während das beißend giftgrüne Gas seine Nase immer tiefer erkundete, studierte er die Tageskarte. Man bestellte 2 Softdrinks groß, einmal Pasta, 1 Mal Tomate an Mozzarella.

 

… An Mozzarella.
Irgendwie erinnerte ihn dies an etwas. Was war es nur?

 

Na klar. Er saß jetzt an Klostein. Oder fast im Klostein. Im Urinstein? Im Urin? Er saß „An“. „Rehrücken an Estragon-Püree“. Köstlich! Oder aber „Rinderfilet-Streifen an Gorgonzola-Pasta“ neulich im Eckrestaurant. Dabei handelte es sich allerdings nur um die singuläre Form, also „den“ Rinderfilet-Streifen. Für 9,50 Euro war wohl nicht mehr drin.

 

Wann kamen eigentlich die Fußballer? Er interessierte sich die Bohne für Fußball, dafür waren die Fußballer doch ganz interessante Gesellen. Na, die kommen schon noch. Die Wirtin hatte ja gut vorgesorgt und alle 4er-Tische reserviert.

 

Genpräparierte blassrosa Tomaten mit Mozzarellascheiben auf sich wurden serviert sowie die Pasta Gorgonzola. Für ihn bereits die zweite Pasta des Tages. „So geht das nicht weiter!“ sagte er leise streng zu sich.

„Es ist ja sinnvoll, daß ich bereits gut zahlendes Fördermitglied im Fitness-Club bin, aber aktive Teilnahme würde mehr Pasta ermöglichen.“

 

Die Dame gegenüber überlegte sich indes, ob ihre Migräne nun vorbei sei, oder Kotzen folgen müsse. Ob sie äße oder nicht, ob sie äße, dann noch mehr Migräne bekäme oder nicht äße und dann nicht kotze oder erst kotze, wenn die Migräne da ist. Oder ob sie kotze, ohne die von Mozzarella erdrückten Gentomaten zu essen. Eine schwierige Entscheidung, wie er mitfühlend feststellte.

 

Mit der Zeit wuchs bei ihm der Drang bzw. eher Zwang oder die Not, sich auf den Weg zu diesen giftgrünen Objekten da hinten zu machen. Schließlich hatte die Mama nach der Bestellung ihrer Getränke noch einmal suggestiv nachgefragt, daß es doch der große Spezi sein solle, ja? Da kann man ja nichts machen. Er grüßte die familienartige Ansammlung im hinteren Raum und bog dem Geruch folgend neben dem Tresen nach links ab.

Praktischer Weise standen alle Türen offen, sie ließen sich auch kaum bewegen. Das ist bei Durchzug gut, so kann es nicht knallen. Wie so oft auch in anderen Gastronomiebetrieben wirkte auch der Toiletten-Vorflur hier wie das Vorbereitungszimmer für die Küche. Ein klappriges Tischchen mit Servietten, Besteck, Gewürzen, Salz- und Pfefferstreuern, verschlissenen Fußleisten, sich wellenden abgewetztem Linoleum. Klar, bei derart häufiger Reinigung bleibt das nicht aus. Zum Glück konnte er dort keine Salatanrichte ausmachen.

 

Dunkel war es im Männerklo. Das verhieß nichts Gutes!

Widerwillig tastete er mit der Linken zum Lichtschalter. Diese Bakterien hätte er sich gerne erspart. Es nützte nichts. „Vor 40 Jahren gab es halt noch keine Bewegungsschalter“ grummelte er vor sich hin.

Die 30W Birne hinter der gelbbraun-angelaufenen und gesprungenen Plastik-Lampenverkleidung über dem Spiegel, dessen Oberkante ihm bis circa zu den Brustwarzen reichte, schummerte ihm den Weg. „Jaja, Italiener sind halt klein!“

 

Durch die nächste Tür kam er nun endlich in die Entlastungs-Hallen. Es war so schummrig, er konnte das Grün der Klosteine gar nicht genau ausmachen. Es reichte gerade zum Zielen. Oder waren sie rosa? Zu seiner rechten klebte ein offenbar schon mehrfach befeuchteter und wieder getrockneter Zettel. „Defekt“ konnte er gerade noch entziffern. Darunter das mit Paketklebeband zugeklebte Pissoir.

 

Wo sollen bloß all die Fußballer später nach dem dritten Bier pinkeln!

Naja, das sollte nicht sein Problem sein.

 

Als er leidlich fertig war oder beschloss, fertig zu sein, wusch er sich ganz schnell und zackig – sozusagen Hände einmal unter dem Strahl durchgeschossen – den Dreck des Tages ab, um den Italo-Keimen dort keine Chance zu geben, ihn noch mal so eben zufällig zu bespringen. Er fühlte sich gut, fast high, kniete sich vor den Spiegel, scannte sein Antlitz und war es leidlich zufrieden. Er kam vom Boden hoch, klopfte sich den Staub von den Knien und ging zurück.

 

Im Gastraum war alles wie zuvor. Sie waren immer noch die einzigen Gäste.

Allerdings hatte Tomate an Mozzarella sich noch etwas vermindert. Was dies nun bedeuten würde, wusste er allerdings noch nicht.

 

Und wie wunderbar: hier konnte er wieder richtig durchatmen, nachdem er gerade zuvor die Atmung maximal zu reduzieren versucht hatte. Das gelingt ja allerdings regelmäßig nicht, selbst wenn man durch den Mund atmet oder so tut als atme man gar nicht mehr. Kinderversuche, aber es klappt nie.

 

Der leichte und nur noch sehr dezente Geruch der Klosteine rückte fast ganz in den Hintergrund.

 

Er atmete langsam und tief, spürte eine immer größer werdende Entspannung sich ausbreiten. Sie unterhielten sich über Männer, Frauen, das Schreiben und wie man eine gute Story zu Papier bringt. Sie erzählte dann etwas von einem gutaussehenden Egozentriker, wie er es schafft, alle zu betören. Zumindest zeitweise. Immer mehr sank er in Träume, Farben, Grün, schwebte durch frische Lüfte, den Raum, die Wolken, über Berge, kurz ins All, zurück über Wiesen, Blumen, roch die Gräser und lauschte den Insekten. In der Ferne hörte er sie reden. Genauso fern sah er Fußballer bei ihrem Spiel. Immer ferner, immer leichter, froh, heiter, einfach glücklich. „So muss es im Himmel sein“ schaffte er gerade noch zu denken. Ihm wurde immer leichter, leichter und so sank er dahin.

 

Schwarz wie die Nacht nun.

 

Mit einem lauten Knall schlug er auf dem Boden auf, rief „Scheiße!“ und fasste sich an den Kopf. Kein Blut. Ein Glück! Er lag neben dem Tisch am Durchgang auf Grund sozusagen, die Nase auf dem abgewetzten Boden, eine Kippe und Basilikumblatt sowie diverse Wollmäuse vor der Nase.

Der „Odeur du Klostein“ (frz.) hatte ihn derart narkotisiert, dass es ihn erst in den Himmel und dann zu Boden riss.

 

La Mama kam und brachte die Rechnung.

 

„An Rehrücken oder umgekehrt gern wieder, aber nicht noch einmal an Klostein“ sagte er zu ihr und sie verließen die nach wie vor leere Stätte hinaus in den Regen.

 

M.F. - 2014  

 

(Hinweis: Einzelereignis, kein Urteil über Italien, Italiener oder italienische Restaurants. Der Verfasser ist ausdrücklicher Fan der italienischen Gastronomie, der italienischen Sprache und Italiens! Es hätte genauso Deutsche, Angolaner, Kasachen, Schweizer oder Türken "treffen" können!)

Dosenfisch        |        8.3.2016


Einmal im Jahr gibt es Dosenfisch.

Ich kramte im verstaubten Regal unter dem Fenster zwischen den Spinnweben in der Ecke, wo sich der Fisch befinden müsste. Hunger war schon da.

 

Eben auf dem Weg durch den Regen nach Hause kam mir plötzlich das ovale Bild in den Sinn. Diese Dose. Es war kalt, regnete leicht und meine Wollmütze steckte in der Tasche der Jacke. Die Gummis des Fahradlenkers verschoben sich alle 100m wieder, so blieben die Finger beim anstrengenden Zurückdrehen etwas warm in ihren Handschuhen....  Ich malte mir schon aus, wie ich diese Köstlichkeit vom Reststaub befreite und sie dann feierlich öffnen würde. Öffnen....

Es durchzuckte mich kurz und ich schien den kalten und nassen Fahrtwind unfreundlicher zu spüren.

 

Ganz hinten aus der Fischecke zog ich zunächst Makrelenfilets ans Licht. Aus Erfahrung heraus schielte ich zunächst auf das MHD (Bodenblech-Angabe) und war froh, mich gerade noch vor einer Vergiftung bewahrt zu haben: Juli 2013!

Dann fand ich tatsächlich das heißersehnte Oval: Heringsfilets in Tomatensauce.  Datum: Dezember 2016. Klasse!

Ich schnitt mit der elektrischen Schneidemaschine 2 Scheiben Graubrot, Butter kam drauf.

Ich griff zu der Dose, drehte sie prüfend, meditierend, ja fast zärtlich. Die Zeit schien still zu stehen. So muss Trance sein, dachte ich bei mir. Es war, als wollte ich ihr sagen: "ich tu dir nichts".

Vielleicht hoffte ich, sie würde antworten: "ich tu dir auch nichts!"

 

Ich legte sie neben den Teller, ging ins Wohnzimmer und schaltete meine Multimedia-Anlage ein, um das Fernsehprogramm zu checken. Der Appetit war merkwürdiger Weise weniger geworden.

"Eigentlich wäre ein schlichtes Butterbrot auch nicht übel" dachte es in mir.

 

Ich ging zurück in die Küche, setzte im Wasserkocher Heißwasser auf. Eine heiße Schokolade wird mich wieder warm werden lassen. 1000 Watt sind schon ganz gut. Der Kocher ist ca.15 Jahre alt und tut es immer noch super. Ich wählte die Schokolade in den Einzelbeuteln, die mit dem Milchpulver drin. Da braucht man nicht so viel Frischmilch hinzuzufügen. Ich spähte in den Kühlschrank und stellte erleichtert fest, dass mein Milchvorrat noch mehr als einen Liter betrug. Ich trinke nur Frischmilch bzw. die Längerhaltbare. Frische gibt es ja kaum noch. Und auf den Markt gehe ich nicht.

Im Wohnzimmer berichtete mittlerweile Claus Kleber vom Heute Journal über die Überfischung in der Nordsee und Gegenmaßnahmen der EU.

Mit den beiden Butterbroten und der heißen Schokolade setzte ich mich auf den Fußhocker vor die Glotze. Und staunte über diese Mengen an Fisch, von denen da die Rede war.

 

Heiße Schokolade sättigt ganz schön.

 

Endlich gab ich mir einen Ruck, marschierte direkt - ohne über Los zu gehen - in die Küche, nahm die Dose in die Hand. Klar, ich hatte mir ja mitlerweile die optimalste Taktik überlegt: ich hielt sie tief in die Spüle. Dann zog ich ganz sanft an dem Ring.

Gaaaanz laaaangsam. Es machte ein leichtes, weißblechgedämpftes "Plopp". Uff. Der erste Schritt war gelungen. Noch war mein weißes T-Shirt jungfräulich. Ha! Das wäre doch gelacht, wenn ich es nicht schaffe! Ich zog langsam am Deckel, etwas mehr rechts zunächst, dann links. Immer schön im Wechsel. Bloß nicht zu schnell! Allmählich näherte ich mich dem Höhepunkt.

Die Konstrukteure müssen sich einen Spaß gemacht haben. Wie schafften sie es, diese letzten 15 mm zu einer Herausforderung des Jahres werden zu lassen? Ich bewegte den mittlerweile besonders zur letzten Verbindung Dose-Deckel hin stark gebogenen Deckel, an dem natürlich dick rote Soße drohend klebte, wie bei einer Bombenentschärfung vorsichtig hin und her. In Zeitlupe. Es blieb bei 15 mm. Die Zeit und auch mein Atem standen stilll....

 

Plötzlich "PLONGGG"!

 

Das T-Shirt erschien jetzt in rotem Jackson-Pollock-Look, was nicht dort gelandet war, klebte auf der Arbeitsplatte, dem Unterschrank, den Fliesen und auf dem Boden.

 

Gut, dass ich schon die Butterstullen verdrückt hatte.

 

Ich hatte heute morgen in meiner täglichen Affirmation erneut den Ersatz von "A........" durch "böser Schlumpf" und "Wi........" durch "Onanist" trainiert.

 

Nun blieb nur noch, "Sch....e" durch "braune Masse" zu ersetzen.

Ich musste lachen.

 

Der Hering war gut, es dauerte nur eine halbe Stunde, die Spuren zu beseitigen.

 

Dosenfisch-Dose

A-social Media                                                                                             

 

Als ich mich der Bushaltestelle nähere, stehen dort 10 Menschen mit gesenkten Köpfen, scheinbar meditativ versenkt.

Die meist linke Hand hängt bei der Hälfte locker hinunter, bei anderen ruht sie in einer Tasche.

Die meist Rechten halten etwas und lassen ihre Daumen flink über das Ding huschen. Manchmal wird auch wie nach oben oder unten gekickt. Ein andermal wie mit einem Joystick nach rechts oder links gewischt. Am Ende der flinken Huscherei in alle Richtungen folgt dann zumeist ein Drücken unten rechts; amüsiert stelle ich fest, dass dieser letzte Druck meist schwungvoller ausgeführt wird als die anderen. Fast wie die finale ausladende und markante Bewegung des Dirigenten vor seinem Orchester bevor dieses zur Ruhe kommt.

Die Minen wechseln dann in einen Ausdruck großer Erwartung. Die Zeit scheint still zu stehen, die Lüfte werden manchmal fast kollektiv kurz angehalten.

Dann geht es weiter, die meisten Minen entspannen sich, aber nicht alle. „Mist, schon wieder kein Netz!“ oder andere Grunzlaute und Gesten des Unmuts sind zu vernehmen.

Hier und da dann ein nettes Pfeifen – allerdings bin wohl leider wieder nicht ich gemeint. Die meisten Minen verfallen dann in eine Entspannung. Der Morgen scheint gerettet zu sein.

Während ich all dies mustere, kommt der Bus.

Mit weiterhin gesenkten Köpfen steigt die Meute ein, andere mit ebensolch gesenkten steigen aus und ich bin beeindruckt, dass es keine Verletzten gibt.

So ist es mir ohne große Schwierigkeiten gelungen, unbemerkt und unbehelligt meine Fahrt anzutreten. Ich würde sogar sagen: es war gar nicht anders möglich.

Heimlich denke ich: Dank sei UMTS, LTE, GPRS, 3G, 4G, 5G (Moment, gibt es das eigentlich?) und was weiß ich nicht noch.

„Einen schönen Tag noch!“ sage ich zu mir selbst, denn sonst ist keiner mental um mich anwesend, und springe vor dem nahenden Auto noch gerade eben vom Bussteig  rüber an den Fahrbahnrand, wo ich fast von einem rasenden Radler platt gemacht worden wäre, der gerade mit so einem Ding in seiner rechten Hand beschäftigt war…

 

(M.F. - Mai 2014)

Freigänger        |         2.2.2014

 

Er war eingesperrt im Freien.

War es „auf Bewährung“?

 

Wie unter einer Käseglocke abgetrennt von der umgebenden Welt, ging er langsam den Alsterweg am westlichen Alsterufer entlang - am Alsterpark gelegen - Richtung Stadtmitte, also nach Süden.

„Koordinaten und Navigation sind wichtig, geben halt“ sagte er wohlwollend, sich selbst beruhigend.

 

Die Alster ist in Hamburg ein Fluss und See gleichzeitig. Hier inmitten der Stadt weitet sich der von Norden kommende Fluss und nach einigen Brücken sowie Schleusen wird er südlich ins Hamburger Hafenbecken entlassen. Eigentlich ist es nur ein Teich und so flach, daß eine durchkenternde Jolle mit dem Mast kopfüber im Grund stecken bleibt.

Es war ein Nachmittag im Januar, die Luft feucht-neblig. ob es nun schon leichter Nieselregen oder erst noch hohe Luftfeuchtigkeit war, ließ sich mal wieder nicht genau sagen. Die Alster war zu dieser Jahreszeit bootsleer, dünnes und gebrochenes Eis bedeckte alles.

Die feuchte Kälte kroch in die Knochen und mittlerer Wind ließ vor dem inneren Auge eine dampfende Teetasse erscheinen. Er zog den Reißverschluss seiner Daunenjacke bis zum Anschlag nach oben.

„Die elenden Jogger sind selbst bei diesem Wetter nicht tot zu kriegen und rennen sich die Lunge aus dem Hals“ grummelte er. Stapfend, schnaubend und dampfend, manchmal auch riechend, ging es nonstop an ihm vorbei. Manche wälzten sich qualvoll voran als hätte gleich ihr letztes Stündlein geschlagen, andere gamsartig, schnell, elastisch und flink. Die waghalsigen Fahrradfahrer führten dann teilweise zu Manövern, durch die er sich nur durch einen gekonnten Seitensprung vor einer Kollision mit Jogger oder Fahrradfahrer retten konnte.

 

Und doch war trotz Kälte, Nässe, Schweißgeruch, Pfützendreck und Ausweichmanövern alles weit weg. Da hinten. Dort  bei denen, die nicht weggesperrt sind. Hierher zu ihm drangen nur gedämpfte Ausläufer, wie das Horn eines entfernten Dampfers im Hafen.

 

Hier war: weggesperrt.

Und er war hier.

 

Er war zeitlos. Es war schon immer so. Welche mächtige Instanz hat ihn bloß auf diese Weise ins Spiel gesetzt? „Geh direkt ins Gefängnis, nicht über Los und ziehe auch nicht 4000 Mark ein“ war wohl sein Los.

Und während er dort im virtuellen Gefängnis hockt, sieht er sie vorüber ziehen, teils ganz dicht, er könnte sie berühren, sie könnten ihn berühren. Aber es verhallt, entfernt sich, wird dumpf und stumpf. Er richtet sich im Hier ein.

 

Ohne größere Blessuren erreichte er den Alsterdampfer-Anleger „Alte Rabenstraße“. An der Kette vor dem Holzsteg hängt „Kein Winterdienst“. Dahinter vergnügte sich im gläsernen, vereisten Windschutzhäuschen ein Liebespaar.

 

Dahinter…..

Da hinten.

 

(M.F. - 2014)

  

    Glauben  Sie nicht  alles,  was   Sie  denken  

  

 

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